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In roter Schrift steht "BodeständiX" über dem schwarzen Text "Der Autorenblog von Hanspeter Gautschin" auf weißem Hintergrund.
Warum wir die Stille verlernen – Aldous Huxley und die Ökonomie der Ablenkung
Ein Aquarell, das einen jungen Mann zeigt, der auf einer Parkbank sitzt und in sein Smartphone vertieft ist. Herbstbäume und sanftes Sonnenlicht erzeugen eine ruhige, kontemplative Atmosphäre, die auf subtile Weise die "Ökonomie der Ablenkung" im modernen Leben widerspiegelt.

Aldous Huxley wusste schon vor bald hundert Jahren, dass die gefährlichste Tyrannei nicht jene ist, die uns fesselt, sondern jene, die uns betäubt.

In seiner «Schönen neuen Welt» werden Menschen nicht mit Ketten kontrolliert, sondern mit Vergnügen. Sie werden ruhiggestellt durch Wohlgefühl, Ablenkung und die Illusion, frei zu sein.

Wer heute um sich blickt, erkennt, wie viel Wahrheit in dieser Fiktion steckt. Wir leben in einer Zeit, in der Aufmerksamkeit zur Währung geworden ist. Jede App, jede Plattform, jeder Bildschirm wetteifert um unsere Blicke. Nicht wir wählen, worauf wir achten – es wird für uns gewählt.

Der amerikanische Ökonom Herbert A. Simon schrieb 1971 einen Satz, der heute aktueller ist als damals: «Ein Überfluss an Information schafft Armut an Aufmerksamkeit.» Und tatsächlich – nie waren wir so informiert und gleichzeitig so zerstreut.

In der Schweiz sind gemäss Bundesamt für Statistik rund 97 bis 98 Prozent der Bevölkerung online, etwa 78 Prozent nutzen regelmässig soziale Medien. Die durchschnittliche Bildschirmzeit liegt – je nach Quelle – zwischen fünf und sieben Stunden täglich. Ein grosser Teil davon dient nicht der Arbeit, sondern der Unterhaltung. Plattformen verkaufen keine Produkte mehr, sie verkaufen unsere Gegenwart.

Manchmal scheint es, als hätte Huxley unsere Welt vorausgeahnt: eine Gesellschaft, die das Denken gegen Dauerbeschallung eintauscht. Wer scrollt, reagiert. Wer innehält, verschwindet aus dem Spiel.

Die digitalen Systeme sind auf Erregung programmiert. Sie wählen nicht, was wahr ist, sondern was Klicks bringt. Empörung, Angst, Empathie – alles wird gemessen, gewichtet und an uns zurückgespielt. Es ist ein Markt, auf dem die lautesten Stimmen gewinnen.

Die Folgen lassen sich messen, auch wenn sie uns im Alltag kaum bewusst sind. Die Informatikerin Gloria Mark von der University of California hat gezeigt, dass es im Durchschnitt rund 23 Minuten dauert, bis man nach einer Unterbrechung wieder voll konzentriert arbeiten kann. Wer täglich Dutzende solcher Unterbrüche erlebt, verliert irgendwann das Gespür für Tiefe. Arbeit zerfällt in Fragmente, Gespräche in Stichworte, Gedanken in Ablenkungen.

Unternehmen zahlen dafür einen hohen Preis. Eine Studie des Beratungsunternehmens Basex bezifferte die jährlichen Produktivitätsverluste durch Unterbrechungen und Informationsüberlastung in den USA bereits 2008 auf über 500 Milliarden Dollar. Heute dürfte der Schaden noch grösser sein – nur redet kaum jemand darüber.

Die gesellschaftliche Dimension ist weit grösser. Neil Postman schrieb 1985 in seinem Buch Wir amüsieren uns zu Tode, wir würden nicht von Orwells Überwachungsstaat bedroht, sondern von Huxleys Vergnügungsdiktatur. Nicht durch Zensur, sondern durch Überfülle. Nicht durch Gewalt, sondern durch Ablenkung.

Wer ständig reagiert, kann nicht mehr reflektieren. Das Gehirn gewöhnt sich an schnelle Reize. Jede Nachricht, jeder «Like», jeder Ping löst einen kleinen Schub Dopamin aus – den Neurotransmitter, der unser Belohnungssystem steuert. Wir greifen zum Handy, nicht weil wir müssen, sondern weil wir erwarten, dass etwas passiert. Und wenn nichts passiert, entsteht Unruhe.

So entsteht eine Gesellschaft, die auf Reize reagiert, aber kaum noch innehält. Es ist kein moralisches, sondern ein psychologisches Problem. Und es betrifft alle: Schüler und Lehrer, Angestellte und Chefs, Medien und Politik.

Das Problem ist nicht das Gerät, sondern die Logik dahinter. Aufmerksamkeit ist das Öl des 21. Jahrhunderts – und wer sie kontrolliert, kontrolliert Verhalten. Jede Sekunde, die wir hinschauen, ist monetarisierbar. Je länger, desto lukrativer. Und die effektivste Form der Kontrolle ist jene, die wir für Unterhaltung halten.

Auch Medien und Politik funktionieren nach dieser Logik. Schlagzeilen werden für Klicks optimiert, Debatten für Empörung. Die Lautstärke ersetzt die Tiefe. Die Demokratie verliert dadurch etwas, das sie dringend bräuchte: die Fähigkeit, zuzuhören und abzuwägen.

Aber es gibt Gegenmittel. Sie sind unscheinbar, fast altmodisch. Zwei Stunden am Tag ohne Benachrichtigungen. Kein Dauer-Scrollen, keine Algorithmus-Feeds, sondern eine bewusste Auswahl dessen, was man wirklich wissen will. Für Unternehmen bedeutet das: Fokuszeiten ohne Mails, klare Kommunikationsfenster, weniger Sitzungen. Nicht als Wellness-Massnahme, sondern aus Vernunft.

Auch in der Gesellschaft wäre etwas Entschleunigung heilsam. Was weniger Klicks bringt, kann mehr Klarheit schaffen. Nicht alles, was sich schnell verbreitet, ist bedeutsam – und nicht alles, was bedeutsam ist, verbreitet sich schnell. Aufmerksamkeit ist keine unerschöpfliche Ressource. Sie will gepflegt werden, so wie ein Garten, der sonst überwuchert.

Die eigentliche Gefahr unserer Zeit ist keine Diktatur, sondern die schleichende Abstumpfung. Wir verlieren nicht, weil uns jemand knebelt, sondern weil wir selbst verstummen. Huxley hätte wohl gesagt: Die schönste aller Welten ist jene, in der niemand merkt, dass er gefangen ist.

Aber wer das Unbehagen noch spürt – diese kleine innere Unruhe, dass da etwas nicht stimmt –, der ist nicht verloren. In diesem Moment beginnt Freiheit: wenn wir die Stille wieder zulassen. Kein Scrollen, kein Geräusch, kein Reflex. Nur ein Gedanke, der wieder uns gehört.

Quellen und weiterführende Literatur

  • Aldous Huxley: Brave New World (1932) und Brave New World Revisited (1958).
  • Herbert A. Simon: Designing Organizations for an Information-Rich World, in: Computers, Communications, and the Public Interest (1971).
  • Gloria Mark et al.: The Cost of Interrupted Work: More Speed and Stress (University of California, 2008); Attention Span (MIT Press, 2023).
  • Neil Postman: Amusing Ourselves to Death – Public Discourse in the Age of Show Business (1985).
  • Basex Report (2008): Information Overload: We Have Met the Enemy and He Is Us.
  • Bundesamt für Statistik (BFS, 2024): Internetnutzung in der Schweiz 2023 – ICT-Zugang und Nutzung privater Haushalte.
  • Swiss Media Data Hub / Statista (2024): Social-Media-Nutzung Schweiz.
  • Netzwoche (2025): Schweizer Onlinehandel erreicht Allzeithoch, 12. Juni 2025.

2 Kommentare

  1. Beat Hermann

    Hanspeter,
    danke vielmals für diesen Text, der mich sehr angesprochen hat. Denken ist Arbeit – und braucht darüber hinaus auch noch Zeit, die viel besser investiert ist als mit Scrollen.

  2. Hanspeter Gautschin

    Danke Beat. Und die Zeichensetzung habe ich selbstverständlich korrigiert.

Über

Ein älterer Mann mit grauem Haar und Brille sitzt in einem Holzstuhl, trägt einen dunklen Pullover, hält ein aufgeschlagenes Buch in der Hand und blickt von den Seiten auf. Der Hintergrund ist eine schlichte, helle Wand.

Ich bin Hanspeter Gautschin, Erzähler und Autor von BodeständiX – Geschichten, die bleiben.

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