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In roter Schrift steht "BodeständiX" über dem schwarzen Text "Der Autorenblog von Hanspeter Gautschin" auf weißem Hintergrund.
Wenn der starke Mann zur Witzfigur wird
Eine satirische Illustration von Witzfigur Mussolini, Hitler, Stalin, Donald Trump und Charlie Chaplin. Trump, der starke Mann, zeigt auf eine Weltkugel, während Kampfflugzeuge über ihm schweben und eine Bananenschale neben Chaplin mit seiner kultigen Melone sitzt.

Es gibt Männer in der Politik, die wollen gar keine gewöhnlichen Politiker sein. Sie wollen Schicksal spielen. Sie wollen den grossen Auftritt. Sie wollen die Welt mit einer Handbewegung ordnen, mit einer Drohung erschüttern und mit einem Satz in Deckung bringen.

Man sieht sie förmlich vor sich: das vorgereckte Kinn, die geballte Faust, der harte Blick, das Gesicht einer beleidigten Majestät.

Und plötzlich steht einer da, der die Welt in Angst versetzen will – und wirkt dabei wie eine Figur aus einem bösen Theaterstück.

Darin liegt eine der seltsamsten Wahrheiten der Macht: Wer sich über alle erheben will, macht sich oft zugleich lächerlich.

Der Mensch im Kostüm der Grösse

Der Diktator oder der angehende Diktator hat ein Problem. Er muss dauernd beweisen, dass er grösser sei als alle anderen. Ein vernünftiger Mensch lässt seine Taten sprechen. Der starke Mann vertraut der Kulisse. Er braucht das Podium, den Aufmarsch, die Empörung, den grossen Satz, die markige Drohung. Er lebt von der Gebärde wie ein schlechter Schauspieler von der Schminke.

Je leerer das Innere, desto wuchtiger der Auftritt.

Darum lieben solche Figuren den Lärm. Sie sprechen in Weltformeln, als hätten sie die Geschichte gepachtet. Sie reden von Grösse, Ordnung, Verrat, Sieg, Untergang. Wörter wie Blechgeschirr: viel Krach, wenig Inhalt. Sie wollen Ehrfurcht. Sie wollen Gehorsam. Sie wollen, dass einer ruft: Da kommt er, der Mann, auf den alles ankommt.

Dabei kommt oft ein unerquicklich einfältiges Bild zustande: ein Erwachsener mit der Seele eines gekränkten Schulbuben.

Trump und die Politik des beleidigten Willens

Donald Trump ist ein Meister dieses Fachs. Er versteht die Politik als Bühne und die Bühne als Spiegel seiner selbst. Alles kreist um ihn, seine Laune, seine Kränkung, seine Lust an der Provokation. Er redet wie einer, der das Amt mit Besitz verwechselt. Wer sich ihm widersetzt, wird beschimpft. Wer ihm im Weg steht, gilt als Feind. Wer nicht spurt, bekommt den Zorn eines Mannes zu spüren, der sich selber für das Zentrum der Welt hält.

Gerade beim Gerangel um Grönland zeigte sich dieses Muster in aller Deutlichkeit. Da sprach kein Staatsmann mit kühlem Kopf. Da sprach ein Mann, der etwas haben will und die Weigerung als persönliche Beleidigung auffasst. Der Ton erinnerte zeitweise an einen verwöhnten Jungen, dem man sein Spielzeug nicht aushändigen will.

Man erschrickt über die politische Verantwortung, die an einem solchen Charakter hängt.

Man staunt über die kindische Wucht des Auftritts.

Und irgendwo meldet sich unweigerlich der Gedanke: Wie kann einer mit so viel Macht zugleich so unerquicklich lächerlich wirken?

Das ist keine Nebensache. Das gehört zum Wesen solcher Figuren. Sie wollen als Riesen erscheinen und verraten sich gerade in dieser Anstrengung. Die Übertreibung entblösst sie.

Mussolini und die Kunst, sich aufzublasen

Benito Mussolini hatte diese Kunst längst vor Trump zur Vollendung gebracht. Er stellte sich hin wie ein Mann, der eigens für Denkmäler geschaffen worden war. Brust heraus, Kinn empor, Blick über die Köpfe hinweg, immer geschniegelt als verkörpere er Rom, das Schicksal und die Nation in Personalunion.

Solange solche Leute Macht haben, wagt kaum jemand offen zu lachen. Die Furcht sitzt zu tief. Hinter dem Theater stehen Polizei, Gefängnis, Schläger, Spitzel, Krieg. Der Witz kann teuer werden.

Doch wenn die Macht zerfällt, kippt die ganze Herrlichkeit oft in Farce. Dann bleibt von der grossen Pose erschreckend wenig übrig. Dann steht da kein Titan mehr, kein Retter des Vaterlandes, kein Mann aus Erz. Dann steht da ein eitler Gockel, ein Operettenherrscher, ein Zampano mit zu viel Brust und zu wenig Geist.

Die Geschichte ist voll von solchen Figuren. Sie wollten übermenschlich wirken und endeten als Karikaturen ihres eigenen Grössenwahns.

Wie Chaplin den Grössenwahn blossstellte

Charlie Chaplin begriff das sehr früh. In «The Great Dictator» nahm er den Tyrannen dort auseinander, wo dieser am empfindlichsten ist: in seiner Pose. Er zeigte, dass der Gewaltherrscher auch eine groteske Figur sein kann, ein Mensch, der sich unaufhörlich vergrössert und dabei seine eigene Lächerlichkeit vor sich herträgt wie einen Orden.

Das war kein harmloser Spass. Es war Aufklärung mit den Mitteln der Komik.

Der Tyrann lebt davon, dass man ihn ehrfürchtig betrachtet. Das Gelächter nimmt ihm die feierliche Beleuchtung. Plötzlich sieht man die Schminke, die Verrenkung, das Übertriebene. Plötzlich steht da kein Halbgott mehr, sondern ein Mann, der zu lange vor dem Spiegel geübt hat.

Genau darum hassen autoritäre Figuren die Satire. Gegen Kritik kann man sich wappnen. Gegen einen guten Spott hilft fast nichts. Wer einmal als Witzfigur erkannt worden ist, trägt diesen Makel weiter mit sich herum.

Dürfen wir lachen?

Ja, wir dürfen. Vielleicht müssen wir sogar.

Das Lachen stürzt keinen Tyrannen. Es ersetzt kein Recht, keine Verfassung, keine politische Wachsamkeit. Es verhindert keinen Krieg und macht keinen Machtmissbrauch ungeschehen. Doch es durchbricht den Bann. Es nimmt dem starken Mann den Heiligenschein, den er so dringend braucht.

Wer lacht, kniet innerlich schon einmal nicht.

Das ist wenig und zugleich viel.

Denn der autoritäre Charakter lebt davon, dass andere sich klein machen. Er braucht das Staunen der Menge, die Angst, die Einschüchterung, die Bereitschaft, den grossen Auftritt für Grösse zu halten. Sobald einer den Mechanismus durchschaut, verliert die Pose einen Teil ihrer Wirkung.

Freilich wäre es töricht, die Lächerlichkeit mit Harmlosigkeit zu verwechseln. Ein Mann kann unerquicklich komisch wirken und trotzdem grossen Schaden anrichten. Gerade das macht die Sache so unheimlich. Die Geschichte wurde oft von Figuren verwüstet, die in einem anderen Rahmen als peinliche Wichtigtuer gegolten hätten.

Der Clown mit Staatsapparat bleibt gefährlich.

Der Clown mit Armee auch.

Die Groteske gehört zur Macht

Vielleicht liegt hier der tiefere Punkt. Macht zieht nicht nur das Tragische an. Sie zieht auch das Groteske an. Wer über andere herrschen will, verliert leicht jedes Mass. Er hält sich für unersetzlich, für erwählt, für geschichtlich notwendig. Er duldet keinen Widerspruch mehr, weil jeder Widerspruch an seinem Selbstbild kratzt. Er wird dünnhäutig, rachsüchtig, eitel, überlaut.

So entsteht jene seltsame Mischung aus Fürchterlichkeit und Farce, die viele Herrscherfiguren kennzeichnet. Sie verbreiten Angst und bieten gleichzeitig ein Schauspiel der Peinlichkeit. Sie wollen die Welt ordnen und stolpern über die eigene Pose. Sie verlangen Bewunderung und liefern Material für die Satire.

Das ist kein Trost. Es ist bloss ein klarer Blick.

Am Ende bleibt ein Mensch mit zu viel Echo

Der Diktator möchte als Ausnahmegestalt in die Geschichte eingehen. Er träumt davon, als Monument dazustehen. Die Nachwelt sieht oft etwas anderes: einen Mann mit übergrossen Gebärden, mit einer Vorliebe für Einschüchterung und mit einem Innenleben, das erschreckend oft aus Kränkung, Eitelkeit und Willkür besteht.

Er wollte ein Schicksal sein.

Er war ein Mensch mit zu viel Echo.

Vielleicht soll man sich daran erinnern, wenn wieder einer auf die Bühne tritt und die Welt mit sich selbst verwechselt. Wenn wieder einer droht, beschimpft, fordert und sich aufbläst, als wäre er die letzte Instanz der Menschheit. Dann lohnt es sich, genau hinzusehen.

Man muss solche Figuren ernst nehmen.

Man darf sie trotzdem auslachen.

Denn im Gelächter liegt ein Rest von Freiheit.

4 Kommentare

  1. Degen Sonja

    Genau, ich kenne beide Seiten…

  2. Hanspeter Gautschin

    Wie meinst du das jetzt? Beide Seiten?

  3. Fritz Hefti

    Hallo Hanspeter. Die Betrachtig: Wenn der starke Mann zur Witzfigur wird isch ganz fantastisch. Der Bricht settsch am Herr Trump direkt zueschicke!

  4. Hanspeter Gautschin

    Danke dir Fritz. Zuschicken könnte man ihn schon. Nur fürchte ich, Selbstironie gehört nicht gerade zu seinen Kernkompetenzen.

Über

Ein älterer Mann mit grauem Haar und Brille sitzt in einem Holzstuhl, trägt einen dunklen Pullover, hält ein aufgeschlagenes Buch in der Hand und blickt von den Seiten auf. Der Hintergrund ist eine schlichte, helle Wand.

Ich bin Hanspeter Gautschin, Erzähler und Autor von BodeständiX – Geschichten, die bleiben.

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