In vielen Branchen wird seit Jahren über fehlende Berufsleute geklagt.
Das zeigt sich im Detailhandel, im Bau, in der Gastronomie, in der Logistik, in technischen Berufen, in der Pflege. Stellen bleiben länger offen, Teams werden kleiner, die Belastung steigt. Gleichzeitig wächst eine andere Gruppe: junge Erwachsene mit Hochschulabschluss, die nach dem Studium nicht zügig in passende Stellen finden oder sich von Praktikum zu Praktikum hangeln. Beides passiert zur selben Zeit. Das ist kein Zufall, es ist eine Schieflage im Bildungssystem und in den Erwartungen, die wir an Bildung knüpfen.
Ein Teil dieser Schieflage hat mit Prestige zu tun. Viele Familien verbinden «gute Bildung» fast automatisch mit Gymnasium und Universität. Wer «studiert», gilt als ehrgeizig, zukunftstauglich, aufstiegsorientiert. Wer eine Lehre macht, gilt schnell als jemand, der sich «früh festlegt». Diese Bewertung wird oft freundlich formuliert, wirkt aber deutlich. Jugendliche orientieren sich an dem, was in ihrem Umfeld als Anerkennung zählt. Wenn eine Lehre unterschwellig als zweitbeste Lösung gilt, wird sie von vielen gar nicht mehr ernsthaft geprüft.
Dabei ist das Schweizer Berufsbildungssystem eigentlich ein Erfolgsmodell. Eine Lehre verbindet Praxis und Theorie, schafft frühe Berufserfahrung und führt zu anerkannten Abschlüssen. Viele Betriebe investieren beträchtlich in die Ausbildung, weil sie Fachkräfte brauchen, die nicht nur Wissen haben, sondern auch Handlungssicherheit. Wer mit Kunden arbeitet, Maschinen bedient, Abläufe koordiniert, Verantwortung übernimmt, lernt Fähigkeiten, die sich später kaum ersetzen lassen. Trotzdem verliert die Berufslehre in manchen Milieus an Attraktivität. Das ist weniger ein Problem der Inhalte als ein Problem der gesellschaftlichen Einordnung.
Parallel dazu hat sich die Hochschullandschaft stark ausgedehnt. Mehr Studienplätze, mehr Studiengänge, mehr Spezialisierungen. Das kann sinnvoll sein, wenn der Arbeitsmarkt diese Qualifikationen aufnimmt und wenn die Studieninhalte klar mit Berufsfeldern verbunden sind. In der Realität führt die Ausweitung auch zu einer Art Titelinflation. Immer mehr Jobs verlangen formell einen akademischen Abschluss, obwohl die Aufgaben auch anders erlernt werden könnten. Gleichzeitig entstehen Absolventinnen und Absolventen in Bereichen, in denen die Zahl der passenden Stellen begrenzt bleibt. Wer dort ausgebildet wird, konkurriert enger, wartet länger, weicht häufiger aus, akzeptiert eher befristete Lösungen.
Es kommt noch etwas dazu: Arbeitsbedingungen und Löhne wirken als starker Filter. Viele Lehrberufe, besonders im Verkauf und in Dienstleistungsbereichen, sind körperlich und psychisch fordernd. Unregelmässige Arbeitszeiten, hoher Takt, viel Kundenkontakt, oft wenig Planbarkeit. Wenn die Entlohnung dann knapp bleibt und die Entwicklungsmöglichkeiten unklar wirken, fällt die Entscheidung gegen diese Berufe leicht. Man kann Jugendlichen schlecht erklären, warum sie sich für eine harte Tätigkeit entscheiden sollen, wenn die Perspektiven begrenzt erscheinen. Das ist keine Frage der Moral, das ist eine Frage von Anreizen und Lebensplanung.
Die Folgen sind sichtbar. Betriebe reagieren mit verkürzten Öffnungszeiten, eingeschränkten Angeboten, längeren Wartefristen. Qualität leidet, wenn Teams dauerhaft unterbesetzt sind. Das betrifft am Ende alle, auch jene, die diese Berufe kaum wahrnehmen, solange alles funktioniert. Gleichzeitig führt ein Überangebot in gewissen akademischen Feldern zu Frust und zu einer wachsenden Unsicherheit bei jungen Erwachsenen, die viel Zeit in Ausbildung investiert haben. Wenn sich ein Studium finanziell und beruflich nicht so auszahlt wie erwartet, entsteht Enttäuschung, oft auch bei den Eltern, die den Weg stark mitgetragen haben.
In dieser Lage wird gerne nach Schuldigen gesucht: die Schulen, die Eltern, «die Jugend», «die Politik». Hilfreicher ist es, die Mechanik dahinter zu verstehen. Bildungsentscheidungen entstehen aus mehreren Faktoren: Statussignale, Arbeitsmarktchancen, Lohnperspektiven, gesellschaftliche Erzählungen, Vorbilder. Wer in einem Umfeld aufwächst, in dem fast alle studieren, erlebt Studium als Normalfall. Wer in einem Umfeld aufwächst, in dem Lehrabschlüsse üblich sind, sieht Praxisberufe als normalen Weg. Diese Milieus sprechen zu wenig miteinander. Dazu kommt, dass öffentliche Debatten häufig von Akademikerinnen und Akademikern geprägt werden. Das ist an sich logisch, weil viele von ihnen in Medien, Verwaltung, Parteien, Verbänden und Hochschulen tätig sind. Es führt aber dazu, dass die Perspektive der Berufsleute seltener direkt präsent ist, gerade bei Themen, die ihren Alltag betreffen.
Was kann man daraus ableiten, ohne in einfache Parolen zu kippen?
Erstens: Anerkennung muss konkret werden. Wertschätzung zeigt sich in Arbeitsbedingungen, Löhnen, Weiterbildungsmöglichkeiten, Planbarkeit. Wer Fachkräfte will, muss Tätigkeiten so gestalten, dass sie langfristig tragbar sind. Das gilt besonders für Berufe mit hoher Belastung und geringer Sichtbarkeit.
Zweitens: Berufswege brauchen klare Aufstiegspfade. Viele Jugendliche fürchten, eine Lehre sei eine Sackgasse. Diese Wahrnehmung entsteht, wenn Weiterbildungen unübersichtlich sind oder wenn Betriebe Entwicklung kaum aktiv fördern. Durchlässigkeit existiert zwar, sie muss im Alltag sichtbarer sein: Berufsprüfung, höhere Fachprüfung, HF, FH, Spezialisierungen, Führungsfunktionen, Selbständigkeit. Wer eine Lehre macht, soll spüren, dass das ein Anfang ist, kein Endpunkt.
Drittens: Berufsorientierung muss realistischer werden. Jugendliche brauchen Einblicke, die über Prospekte hinausgehen: Schnuppertage, längere Praktika, Gespräche mit Berufsleuten, die ehrlich über Alltag, Lohn, Belastung, Chancen sprechen. Auch Hochschulwege sollten realistischer dargestellt werden: Welche Jobs gibt es tatsächlich? Wie sehen Einstiege aus? Wie häufig sind befristete Stellen? Welche Alternativen gibt es bei Planänderungen?
Viertens: Hochschulen brauchen stärkere Rückkopplung an Berufsfelder. Studiengänge müssen ihre beruflichen Anschlussmöglichkeiten klar benennen und ihre Curricula regelmässig prüfen. Das ist kein Angriff auf Bildung. Es ist eine Frage von Verantwortung gegenüber den Studierenden.
Fünftens: Das Prestige-Gefälle muss thematisiert werden. Solange in gewissen Kreisen ein akademischer Titel als gesellschaftlicher Ausweis gilt und ein Lehrabschluss als «solide» Behelfslösung, bleibt die Schieflage bestehen. Hier haben Eltern, Schulen, Medien und Betriebe gemeinsam Einfluss. Vorbilder wirken stärker als Kampagnen.
Am Ende geht es um eine nüchterne Einsicht: Eine Gesellschaft braucht beides. Menschen, die analysieren, planen, entwickeln. Menschen, die bauen, verkaufen, reparieren, pflegen, produzieren. Wenn eine Seite abgewertet wird, entstehen Engpässe und Spannungen. Wer Fachkräftemangel ernst nimmt, muss über Status, Arbeitsbedingungen und Bildungssteuerung sprechen. Ohne Pathos. Mit Blick auf das, was im Alltag bereits sichtbar ist.







Lieber Hanspeter. Ich unterschreibe deine Ausführungen ohne Einschränkung. Meine Eigene Erfahrungen zeigen dass es auch anders geht. Mein Vater liess sich von seinem Chef (Ernst Schäublin) beeinflussen und zwang mich jn eine Lehre deren Berufsbild direkt in die Hölle führte. Hätereien richtete man damals im Keller ein. Erstens weil es schmutzig und rauchig war. Und weil auch zu der Zeit die Glühtempertur des Stahls oft noch von Auge gemessen wurde. Tages oder Sonnenlicht beeinträchtigte die Wahrnehmung. Wegen der Arbeitsbedingungen wurden meist jehne dort beschäftigt die somst nirgends zu gebauchen waren. Es blieb mir nichts anderes übrig als mich mit den Gegebenheiten abuzufinden.
Zu meinem Glück erkannten just zu der Zeit einige in der Metallindustrie tätige ETH Ingenieure dass es für den Erfolg dieser Industrie undingbar besser ausgebildete Berufsleute braucht. Als einer der ersten proftierte ich von den grundlagen basierten Ausbildungen. Mit den sichtbaren technischen Entwicklungen und den dank dem Wissen metallurgischen Prozessen wurde der Beruf als spezialist zum angesehenen Fachmann in den Bereichen. Klar es blaucht den Willen persönlichen Einsatz und neben den fachtechnischen Kenntnissen den Blick auf anderes. Eine überzeugung die für alle Menschen ob in Handwerk oder Akademischen Kreisen tätig sind: wer nicht über den Tellerrand schaut wird einsam und verhungert vor seinem Teller. Ein andermal mehr. Grüsse Hans
Hoi Hanspeter sehr gut geschrieben . Freundliche Grüsse Martin
Danke Martin!
@Hans
Danke für deinen Kommentar und den persönlichen Einblick. Dein Beispiel zeigt gut, wie stark Ausbildungswege früher von äusseren Einflüssen und den Arbeitsbedingungen geprägt waren. Umso wichtiger war der spätere Schritt zu fundierten, grundlagenbasierten Ausbildungen in der Metallindustrie, der deinen Berufsweg sichtbar verändert hat.
Dein Hinweis zum «Tellerrand» passt sehr gut zum Thema meines Beitrags.