Am 10. November 1793 geschah in der Kathedrale Notre-Dame zu Paris etwas Merkwürdiges. Wo während Jahrhunderten Menschen gebetet, Kerzen angezündet und ihre Sorgen vor Gott getragen hatten, erhob sich nun ein künstlicher Berg.
Auf seinem Gipfel stand ein kleiner Tempel, der der Philosophie geweiht war. Junge Frauen in antiken Gewändern schritten durch das Kirchenschiff, Fahnen wurden geschwenkt, Hymnen erklangen. Eine Frau verkörperte die Vernunft oder die Freiheit – die Berichte darüber sind sich nicht ganz einig.
Die Revolution hatte ihren eigenen Gottesdienst erfunden.
Vier Jahre zuvor hatten die Franzosen die Bastille gestürmt. Die alte Ordnung war ins Wanken geraten. Der König verlor zuerst seine Macht und dann seinen Kopf. Adel und Kirche, über Jahrhunderte eng mit der Herrschaft verbunden, wurden entmachtet. Das Volk wollte frei sein von Bevormundung, Standesprivilegien und einem Glauben, der allzu oft zur Rechtfertigung weltlicher Macht gedient hatte.
Der Zorn war verständlich. Die Kirche hatte Grundbesitz, Reichtum und Einfluss angehäuft, während grosse Teile der Bevölkerung hungerten. Geistliche hatten die bestehende Ordnung gestützt und den Menschen erklärt, ihr Platz in dieser Welt sei von Gott bestimmt. Wer unten geboren wurde, sollte unten bleiben und auf einen besseren Platz im Himmel hoffen.
Die Revolutionäre wollten damit brechen. Sie erklärten Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit zu ihren Idealen. Sie vertrauten auf die Vernunft und glaubten, mit ihrer Hilfe eine gerechte Gesellschaft errichten zu können.
Das waren grosse Gedanken. Sie gehören bis heute zu den Grundlagen unserer modernen Welt.
Doch irgendwann genügte es den Revolutionären nicht mehr, den Glauben aus der Politik zurückzudrängen. Sie begannen, die Erinnerung an ihn aus dem Alltag zu entfernen.
Eine neue Zeitrechnung
Im Herbst 1793 führte der Nationalkonvent einen neuen Kalender ein. Die Jahre sollten fortan mit der Gründung der Republik beginnen. Die Monate erhielten Namen aus der Natur: Nebel, Frost, Schnee, Blüte, Ernte und Hitze bestimmten ihren Klang.
Auch die christliche Woche verschwand. An ihre Stelle trat die «décade», ein Zeitraum von zehn Tagen. Erst der zehnte Tag war als voller Ruhetag vorgesehen. Der Sonntag, die kirchlichen Feiertage und die Namen der Heiligen sollten aus dem Bewusstsein der Menschen verschwinden.
Auf dem Papier sah alles vernünftig aus. Zwölf Monate zu je dreissig Tagen, eingeteilt in übersichtliche Zehnereinheiten. Die Zeit passte nun zum Dezimalsystem, zu den neuen Massen und Gewichten und zum Wunsch, die Gesellschaft nach klaren Regeln zu ordnen.
Doch Menschen leben anders als Zahlenkolonnen.
Bauern richteten sich weiterhin nach den Jahreszeiten, Gläubige nach dem Sonntag und Familien nach Gewohnheiten, die über Generationen gewachsen waren. Viele Arbeiter empfanden die längere Zeitspanne bis zum Ruhetag als Belastung. Der Kalender blieb ein Fremdkörper. Ende 1805 schaffte Napoleon ihn wieder ab.
Die Revolutionäre hatten versucht, die Zeit neu zu erfinden. Dabei übersahen sie, dass der Mensch Wurzeln besitzt. Man kann ein Datum per Erlass ändern. Das Gedächtnis eines Volkes lässt sich schwerer umschreiben.
Die Vernunft betritt den Altar
Der neue Kalender war Teil einer umfassenden Entchristianisierung. Kirchen wurden geschlossen, religiöse Zeichen zerstört und Geistliche gezwungen, ihr Amt niederzulegen. An die Stelle des bisherigen Kultes sollten öffentliche Feiern für Freiheit, Natur, Wahrheit und Vernunft treten.
So kam es zum Fest in Notre-Dame.
Die Vernunft erschien dabei in menschlicher Gestalt. Was zuvor unsichtbar gewesen war, bekam ein Gesicht, ein Gewand und eine Bühne. Die Inszenierung übernahm Formen aus der Religion, die man gerade bekämpfte: Prozessionen, Hymnen, Altäre, Symbole und feierliche Rituale.
Offenbar genügt es dem Menschen selten, einen Altar abzuräumen. Bald stellt er etwas Neues darauf.
Wo Gott verschwunden war, nahm die Vernunft seinen Platz ein. Sie wurde gefeiert, als könnte sie den Menschen von Irrtum, Ungerechtigkeit und Gewalt erlösen. Aus einem Werkzeug des Denkens entstand ein Gegenstand der Verehrung.
Der Kult dauerte nur wenige Monate. Robespierre lehnte den Atheismus seiner revolutionären Gegner ab und ersetzte ihn durch den «Kult des Höchsten Wesens». Einige der führenden Verfechter der Vernunft endeten unter der Guillotine. Später fiel auch Robespierre jener Gewalt zum Opfer, die er selbst mitgetragen hatte.
Die Revolution frass tatsächlich viele ihrer Kinder. Allerdings wäre es zu einfach, dafür die Vernunft verantwortlich zu machen. Die Schreckensherrschaft hatte zahlreiche Ursachen: Krieg, Hunger, Machtkämpfe, Aufstände, Angst vor Verrat und eine politische Ordnung, die ihre Gegner zu Feinden des Volkes erklärte.
Trotzdem bleibt das Bild aus Notre-Dame bemerkenswert. Eine Bewegung, die den Menschen aus religiöser Bevormundung befreien wollte, schuf innerhalb kurzer Zeit eigene Glaubenssätze, eigene Rituale und eigene Ketzer.
Der alte Wunsch nach Unfehlbarkeit
Vernunft schützt den Menschen vor manchem Irrtum. Sie hilft ihm, Behauptungen zu prüfen, Zusammenhänge zu erkennen und Entscheidungen abzuwägen. Ohne sie gäbe es weder Wissenschaft noch demokratische Debatten, weder moderne Medizin noch technische Entwicklung.
Sie besitzt allerdings eine Grenze: Sie wird immer von Menschen gebraucht.
Menschen denken innerhalb ihrer Erfahrungen, Interessen und Ängste. Sie wählen aus, welche Tatsachen ihnen wichtig erscheinen. Sie können logisch argumentieren und trotzdem von falschen Voraussetzungen ausgehen. Besonders leicht geschieht das, wenn Macht ins Spiel kommt.
Wer bestimmen darf, was als vernünftig gilt, besitzt einen gewaltigen Einfluss. Er kann seine Gegner für rückständig, unwissend oder gefährlich erklären. Aus einer abweichenden Meinung wird ein Zeichen mangelnder Einsicht. Aus dem Andersdenkenden wird jemand, den man zum Schweigen bringen darf – angeblich zum Wohl aller.
Genau dort endet die Vernunft und beginnt das Dogma.
Das Problem liegt dabei weniger in der Vernunft als in der menschlichen Neigung, die eigene Sicht für die ganze Wahrheit zu halten. Der Fanatiker zweifelt selten an seiner Sache. Er zweifelt an den anderen.
Die Götter wechseln ihre Namen
Jede Zeit besitzt Dinge, die sie für unantastbar erklärt. Früher waren es Krone, Altar und gesellschaftlicher Rang. Später traten Nation, Rasse, Klasse und Fortschritt an ihre Stelle. Heute geniessen Wachstum, Selbstverwirklichung, Technik und wissenschaftliche Machbarkeit bisweilen eine ähnliche Verehrung.
Auch der Markt kann zum Gott werden. Dann gilt als wertvoll, was sich verkaufen lässt. Der Mensch verwandelt sich in eine Arbeitskraft, der Wald in eine Rohstoffreserve und die Aufmerksamkeit in eine Ware.
Auch die Technik kann zum Gott werden. Dann erscheint alles, was machbar ist, zugleich als wünschenswert. Jede Grenze gilt als Hindernis, das überwunden werden muss.
Selbst die persönliche Freiheit kann einen absoluten Rang erhalten. Dann zählt nur noch, was der Einzelne will. Verpflichtung, Rücksicht und Verantwortung wirken plötzlich wie Zumutungen aus einer vergangenen Zeit.
Der Mensch braucht dazu weder Tempel noch Priester. Es genügt, einem einzigen Gedanken so viel Macht zu geben, dass alles andere vor ihm weichen muss.
Wer bestimmt den Wert eines Menschen?
Besonders ernst wird die Frage dort, wo es um die Würde geht.
Wenn der Mensch sich selbst zum höchsten Massstab erklärt, entscheidet er auch darüber, welches Leben als wertvoll gilt. Solange er grosszügig, vernünftig und gerecht handelt, scheint das unproblematisch. Die Geschichte zeigt jedoch, wie rasch sich die Massstäbe verschieben.
Ein Staat kann Menschen zu Schädlingen erklären. Eine Gesellschaft kann Kranke und Schwache als Belastung betrachten. Eine Wirtschaft kann den Wert eines Menschen nach seiner Leistung berechnen. Eine Mehrheit kann einer Minderheit einreden, sie gehöre weniger dazu.
Menschenrechte entstanden aus verschiedenen Quellen. Das antike Naturrecht, die jüdisch-christliche Vorstellung der Gottesebenbildlichkeit, die Aufklärung und die Erfahrungen mit staatlicher Willkür haben daran mitgewirkt. Der Gedanke ist ebenso schlicht wie anspruchsvoll: Jeder Mensch besitzt eine Würde, die seinem Zugriff auf Macht, seinem Vermögen, seiner Gesundheit und seiner Nützlichkeit vorausgeht.
Ein glaubender Mensch wird sagen: Diese Würde stammt von Gott. Der Mensch ist gewollt und bleibt wertvoll, auch wenn er nichts mehr leisten kann.
Ein säkular denkender Mensch wird sie anders begründen. Er wird auf Freiheit, Gleichheit, Vernunftfähigkeit oder die gemeinsame Verletzlichkeit aller Menschen verweisen.
Beide müssen sich jedoch dieselbe unbequeme Frage gefallen lassen: Was hindert uns daran, die Würde eines Menschen wieder einzuschränken, sobald er uns im Weg steht?
Ein schöner Satz in einer Verfassung genügt dafür nicht. Menschenwürde lebt davon, dass wir auch dem Fremden, Schwachen, Unbequemen und Irrenden zugestehen, was wir für uns selbst beanspruchen.
Auch der Glaube braucht Demut
Die Geschichte von Notre-Dame darf ebenso wenig dazu dienen, den Glauben von jeder Schuld freizusprechen. Religion ist ebenfalls missbraucht worden. Menschen führten Kriege im Namen Gottes, verfolgten Andersgläubige, unterdrückten Frauen und segneten Herrscher, deren Taten wenig mit Nächstenliebe zu tun hatten.
Wo ein Mensch behauptet, Gottes Willen lückenlos zu kennen, droht derselbe Hochmut. Dann erhält die eigene Meinung einen Heiligenschein. Widerspruch wird zur Sünde und Macht zum göttlichen Auftrag.
Glaube ohne Demut wird hart. Vernunft ohne Demut wird kalt.
Beide brauchen die Fähigkeit zur Selbstprüfung. Beide müssen aushalten, dass der Mensch sich irren kann. Auch mit einer Bibel in der Hand. Auch mit einer wissenschaftlichen Studie auf dem Bildschirm.
Der Platz, der uns zukommt
Lebenskunst beginnt mit einem nüchternen Blick auf die eigene Grösse. Der Mensch kann Kathedralen bauen, Krankheiten heilen, Musik schreiben und ferne Planeten erforschen. Er kann lieben, vergeben und über sich selbst hinauswachsen.
Er kann ebenso zerstören, demütigen und töten. Und er besitzt ein erstaunliches Talent, seinen Hochmut in schöne Worte zu kleiden.
Die Revolutionäre von 1793 wollten eine neue Welt erschaffen. Ihre Ideale von Freiheit und Gleichheit wirken bis heute. Ihr Irrtum bestand darin, zeitweise auch den Menschen selbst neu formen zu wollen – mitsamt seinem Kalender, seinen Festen, seinen Erinnerungen und seinem Glauben. Wer sich widersetzte, geriet leicht unter Verdacht.
Die eigentliche Lehre aus Notre-Dame lautet daher: Der Mensch wird gefährlich, sobald er sich für unfehlbar hält.
Vernunft verdient einen hohen Platz. Sie soll prüfen, unterscheiden und den Glauben vor Aberglauben bewahren. Sie soll Machthaber zur Rechenschaft ziehen und Behauptungen an der Wirklichkeit messen. Auf dem Altar ist sie schlecht aufgehoben.
Dort oben wird aus jeder guten Idee früher oder später ein Götze.
Der Mensch braucht einen Massstab, der grösser ist als sein augenblicklicher Vorteil und dauerhafter als der Zeitgeist. Gläubige nennen diesen Massstab Gott. Andere sprechen von Gewissen, Wahrheit oder einer unveräusserlichen Würde. Entscheidend zeigt er sich im Umgang mit dem Mitmenschen.
Denn unsere Vernunft beweist ihre Grösse erst dort, wo sie ihre Grenzen erkennt. Und unsere Menschlichkeit beginnt dort, wo wir aufhören, uns selbst für das Mass aller Dinge zu halten.







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