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In roter Schrift steht "BodeständiX" über dem schwarzen Text "Der Autorenblog von Hanspeter Gautschin" auf weißem Hintergrund.
Marguerite Porete – die Frau, deren Buch das Feuer überlebte
Eine junge Frau in einem grau gemusterten Schleier blickt nachdenklich auf den Boden und erinnert an Marguerite Porete. Im Hintergrund erhebt sich eine historische Stadt mit den Türmen einer gotischen Kathedrale über einem Fluss unter einem teilweise bewölkten Himmel, gemalt im Aquarellstil.

Am 1. Juni 1310 wurde in Paris eine Frau verbrannt. Ihr Name war Marguerite Porete.

Viel wissen wir über ihr Leben kaum. Sie stammte vermutlich aus dem Hennegau, schrieb auf Französisch und gehörte wohl zum Umfeld der Beginen, jener religiösen Frauenbewegung des Mittelalters, die ausserhalb der Klöster lebte und doch ein frommes Leben führte.

Ihr Verhängnis war ein Buch: «Le Mirouer des simples âmes», auf Deutsch meist «Der Spiegel der einfachen Seelen» genannt. Es war ein Werk über die Liebe Gottes, über die Seele, über Freiheit, Hingabe und jene mystische Vereinigung, in der der Mensch ganz in Gott aufgeht.

Für Marguerite war das kein theologisches Gedankenspiel. Es war ihr innerster Ernst.

Der Spiegel der einfachen Seelen

Ihr Buch ist kein frommes Erbauungsbüchlein im gewöhnlichen Sinn. Es ist kühn, schwer zugänglich, poetisch und theologisch anspruchsvoll. Die Seele spricht darin mit der Liebe, mit der Vernunft, mit den Tugenden. Es geht um einen Weg, auf dem die Seele alles Eigene loslässt, bis sie nur noch in der göttlichen Liebe lebt.

Der gefährliche Gedanke lag dort, wo Marguerite von einer Seele spricht, die so sehr mit Gott vereint ist, dass sie über die gewöhnlichen Gebote und Tugendübungen hinausgelangt. Aus mystischer Sicht meinte sie wohl: Wer ganz in Gott ruht, handelt aus Liebe. Aus kirchlicher Sicht klang das bedrohlich. Denn wer sagt, die Seele sei über Gebote hinaus, rührt an die Ordnung der Kirche, an Beichte, Gehorsam, Vermittlung und Kontrolle.

Genau dort wurde es heikel.

Erst das Buch, dann die Autorin

Marguerites Buch wurde bereits vor ihrem Tod kirchlich beanstandet. Der Bischof von Cambrai liess es um 1306 öffentlich verbrennen und verbot ihr, es weiter zu verbreiten. Doch Marguerite gab ihr Werk weiter. Später kam sie vor die Inquisition. Eine Kommission von Theologen der Universität Paris prüfte Aussagen aus ihrem Buch und erklärte sie für häretisch.

Marguerite schwieg vor ihren Richtern. Sie widerrief nicht. Sie erklärte sich nicht so, wie man es von ihr verlangte. Dieses Schweigen wurde ihr zum Verhängnis. Nach langer Haft wurde sie als rückfällige Ketzerin verurteilt und am 1. Juni 1310 auf der Place de Grève in Paris verbrannt.

War sie Opfer, Ketzerin oder Mystikerin?

Die Versuchung ist gross, aus Marguerite Porete eine moderne Heldin zu machen: die mutige Frau gegen die böse Kirche. So einfach ist die Geschichte allerdings kaum.

Ja, sie war eine Frau ohne kirchliches Amt. Ja, sie schrieb theologisch auf hohem Niveau. Ja, sie beanspruchte geistliche Autorität in einer Welt, in der solche Autorität fast immer männlich und kirchlich geordnet war.
Doch sie wurde auch verurteilt, weil ihr Buch bereits verboten worden war, weil sie es weiter verbreitete, weil sie schwieg und weil ihre Gedanken im damaligen theologischen Rahmen als gefährlich galten.

Gerade diese Mischung macht sie interessant. Marguerite Porete steht an einer Bruchstelle: zwischen persönlicher Gotteserfahrung und kirchlicher Ordnung, zwischen weiblicher Frömmigkeit und männlicher Amtskirche, zwischen Mystik und Verdacht.

Das Feuer erreichte das Buch nicht

Die Kirche konnte Marguerites Körper vernichten. Ihr Buch verschwand jedoch nicht. Es wurde weiter abgeschrieben, übersetzt und gelesen. Später zirkulierte es anonym oder unter falschen Zuschreibungen. Erst im 20. Jahrhundert wurde die Verbindung zwischen dem Werk und Marguerite Porete wieder gesichert. Besonders wichtig war dabei die Forscherin Romana Guarnieri, die 1946 Marguerite als Autorin identifizierte.
Das ist vielleicht der stärkste Teil dieser Geschichte: Ein Buch, das verbrannt werden sollte, blieb lebendig. Eine Frau, deren Name ausgelöscht werden sollte, kehrte durch ihr Werk zurück.

Die gefährliche Freiheit der Seele

Marguerite Porete schrieb von einer Freiheit, die schwer zu fassen ist. Es ist keine Freiheit im modernen politischen Sinn. Es ist die Freiheit einer Seele, die nichts mehr besitzen will, auch sich selbst nicht. Eine Seele, die ganz leer wird, damit Gott in ihr wohnen kann.

Solche Gedanken finden sich auch bei anderen Mystikern. Doch bei Marguerite bekamen sie eine besondere Schärfe. Sie schrieb als Frau. Sie schrieb in der Volkssprache. Sie schrieb nicht aus der sicheren Mitte einer Universität oder eines Klosters heraus. Und sie wagte eine Sprache, die den kirchlichen Hütern der Ordnung zu weit ging.

Vielleicht war gerade das ihr eigentliches Vergehen: Sie sprach von Gott, als gehöre ihre Seele unmittelbar zu ihm.

Warum sie uns heute noch etwas angeht

Marguerite Porete gehört zu jenen Gestalten, die man nicht vorschnell vereinnahmen sollte. Sie war keine moderne Feministin. Keine Rebellin im heutigen Sinn. Keine einfache Märtyrerfigur für unsere Zeit.
Sie war eine mittelalterliche Mystikerin mit einer radikalen Vorstellung von göttlicher Liebe. Sie glaubte, dass die Seele sich so sehr in Gott verlieren könne, dass alle gewöhnlichen Sicherheiten zerbrechen. Das war gross, kühn und gefährlich.

Ihr Schicksal erinnert daran, wie schnell geistliche Erfahrung verdächtig wird, wenn sie sich der Kontrolle entzieht. Es zeigt auch, wie lange Frauen aus der Geschichte verschwinden konnten, selbst wenn ihre Gedanken weiterwirkten.

Marguerite Porete starb im Feuer. Ihr Buch ging weiter.

Und vielleicht liegt darin ihre Grösse: Sie wollte offenbar keine Macht. Sie wollte kein Amt. Sie wollte keine Schule gründen. Sie schrieb von einer Liebe, die alles Eigene verbrennt, bevor äussere Flammen ihr Werk erreichten.

Quellen und Hinweise

Marguerite Porete, «The Mirror of Simple Souls», University of Notre Dame Press; Einträge und Übersichten zu Marguerite Porete bei Encyclopedia.com, Stanford Encyclopedia of Philosophy sowie weiteren mediävistischen Fachquellen.

 

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Über

Ein älterer Mann mit grauem Haar und Brille sitzt in einem Holzstuhl, trägt einen dunklen Pullover, hält ein aufgeschlagenes Buch in der Hand und blickt von den Seiten auf. Der Hintergrund ist eine schlichte, helle Wand.

Ich bin Hanspeter Gautschin, Erzähler und Autor von BodeständiX – Geschichten, die bleiben.

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