Es gibt Menschen, deren Namen mit der Zeit verblassen, obwohl sie zu ihrer Lebzeit vieles bewegt haben. Einer von ihnen ist Jacques Senn, Pfarrer, Erzähler und stiller Sprachkünstler.
Wer heute durch Waldenburg geht, ahnt kaum noch, dass hier einmal ein Pfarrer wirkte, dessen Worte Menschen berührten – sanft, eindringlich, ohne Aufhebens um die eigene Person.
Geboren wurde Senn am 1. Januar 1883 in Liestal, mitten in jenem Baselbiet, das im 19. und frühen 20. Jahrhundert eine erstaunliche Zahl von Dichtern und feinsinnigen Köpfen hervorbrachte. Die Mutter prägte ihn mit einer stillen, warmen Art, die er zeitlebens in sich trug. In den Schuljahren am Humanistischen Gymnasium in Basel wuchs in ihm der Wunsch, Theologie zu studieren – nicht aus Ehrgeiz, sondern aus einer inneren Gewissheit heraus. Senn war kein Mann der grossen Gesten. Er war ein Mann der Stille, der oft in die Tiefe ging, dorthin, wo die feinen Fäden zwischen Glauben, Geschichte und Menschsein liegen.
Seine erste Pfarrstelle führte ihn in die kleine Schaffhauser Gemeinde Buchberg-Rüdlingen. Ein abgeschiedener Ort, umgeben von sanften Hügeln und den Geräuschen eines gemächlichen Dorflebens. Dort, in der Ruhe eines bescheidenen Pfarrhauses, begann Senn zu schreiben. Und wie er schrieb! Mit einer Stimme, die sich in die Zeit der Reformation zurückversetzen konnte, als hätte er selber an den Lagern und Ratstischen gesessen.
1919 erschien anonym sein erstes grosses Buch: die «Chronica des weiland Reiterknechts Ambrosi Schwerter». Das Werk war so perfekt in der alten Sprache gehalten, dass es selbst Historiker narrte. Manche hielten es für ein echtes Dokument aus dem 16. Jahrhundert – so glaubwürdig und kraftvoll war die Sprache. Dass dahinter ein Pfarrer aus dem Baselbiet steckte, ahnte damals kaum jemand. Senn schwieg. Er war nie ein Mann des Applauses.
Doch das Schreiben war nur ein Teil seines Wirkens. 1919 wechselte er zurück ins Baselbiet und übernahm die weitläufige Kirchgemeinde Waldenburg-St. Peter. Es muss eine fordernde Zeit gewesen sein: lange Wege, viele Seelsorgegespräche, unzählige Gottesdienste. Und doch erzählen Menschen aus dem Tal noch lange später, wie anschaulich und lebendig sein Konfirmandenunterricht gewesen sein muss. Mein Vater gehörte zu jener Generation, die Senn erlebte – und er sprach Jahrzehnte später noch davon, wie eindrücklich diese Unterrichtszeit war. Man spürt darin etwas von Senns Gabe: Glauben nicht von oben herab zu vermitteln, sondern in einer Sprache, die Herz und Verstand zugleich erreichte.
Trotz der Belastung als Seelsorger schrieb Senn weiter. 1925 erschien «Die Gottesnot zu Euggarus», ein Roman voll dichterischer Innigkeit und historischer Genauigkeit. Wie er dieses Werk schuf – zwischen Amtspflichten, Seelsorge und seiner oft angeschlagenen Gesundheit – bleibt bis heute eindrücklich. Manche seiner Figuren wirken wie Spiegelbilder jener Kraft, die ihm selbst manchmal fehlte.
1930 folgte «Frau Orsola Sempieri», eine Erzählung voller südlichem Licht, leiser Wärme und poetischer Leichtigkeit. Es zeigt eine andere Seite von Senn: nicht nur den Historiker, nicht nur den Theologen, sondern den Erzähler, der Menschen und Landschaften mit einer feinen, zärtlichen Feder zeichnen konnte.
Auch kirchlich spielte Senn eine bedeutende Rolle. 1933, als das neue Pfarrkapitel Liestal–Waldenburg geschaffen wurde, wählten ihn seine Kollegen zum ersten Dekan. Und 1940 wirkte er an der Mundartübertragung «Dr guet Bricht us dr Bible uf Baselbieterdütsch» mit – einem Werk, das noch heute ein kleines, feines Denkmal seiner Sprachkunst ist. Senn verstand es, den Klang unserer Heimat in den Rhythmus biblischer Worte zu legen.
Nach seiner Pensionierung 1947 zog er zurück nach Liestal, blieb aber sprachlich und geistig aktiv. Zur Einweihung des Ueli-Schad-Brunnens in Oberdorf schrieb er noch ein kleines Festspiel – ein spätes Aufleuchten seiner Gabe, historische Stoffe lebendig zu machen. Man spürt darin etwas Versöhnliches: eine Rückbindung an seine Herkunft, an jene Freiheitstraditionen, die im Baselbiet tief verankert sind.
Als Jacques Senn am 26. April 1971 starb, ging mit ihm einer der letzten Vertreter einer Baselbieter Dichtergeneration, die das geistige Gesicht der Region mitgeprägt hatte. Heute kennt man seine Werke nur noch selten, vielleicht ein paar verstreute Exemplare in Bibliotheken oder bei Menschen, die alte Bücher schätzen. Aber wer sie liest, spürt rasch, weshalb man ihn nie ganz vergessen sollte.
Da ist die Sorgfalt seiner Sprache.
Die Wärme seiner Seelsorge.
Die Fähigkeit, historische Tiefe und menschliche Nähe zu verbinden.
Senn war keiner, der laut wurde. Er war ein stiller Arbeiter an der Sprache, am Glauben, an den Geschichten der Menschen. Einer, der leise wirkte – aber nachhaltig.
Vielleicht ist es gerade diese Stille, die uns heute gut tut: ein Pfarrer, der nicht belehrt, sondern begleitet. Ein Erzähler, der nicht drängt, sondern führt. Und ein Mensch, der zeigt, wie viel Kraft in der Verbindung von Glauben und Sprache liegen kann.
Jacques Senn – ein Name, der wieder einmal ausgesprochen werden darf. Nicht aus Nostalgie, sondern weil er uns daran erinnert, dass das Wesentliche oft im Stillen geschieht.
Bild: Bleistiftzeichnung von Hansruedi Zimmerli, 1942







Eine wunderbare Homage‘ die Du diesem außergewöhnlichen Menschen mit so warmen Worten widmest.
Es ist eine Wohltat‘ von solchen Menschen zu lesen. Deine Erzählung berührt mich sehr – und ja‘ das Wesentliche geschieht im Stillen. Eine Erfahrung‘ die sich in meinem Leben wiederholt.
Herzliche Grüße‘ C Stern
Oft sind es tatsächlich die stillen Erfahrungen, die lange nachwirken.