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Hubertustag – als ein Hirsch einem Jäger den Weg wies
Ein Jäger kniet am Hubertustag mit seinem Hund in einem herbstlichen Wald und blickt zu einem majestätischen Hirsch auf, in dessen Geweih ein leuchtendes Kreuz zu sehen ist.

Am 3. November ist Hubertustag. Ein Gedenktag, der heute vor allem in Jägerkreisen begangen wird, dessen Wurzeln jedoch weit ins frühe Mittelalter zurückreichen. Im Mittelpunkt steht ein Mann, von dem die Überlieferung eine wundersame Geschichte erzählt: Hubertus von Lüttich, ein adeliger Jäger, dem mitten im Wald ein Hirsch mit einem leuchtenden Kreuz zwischen den Geweihstangen erschienen sein soll.

Ob sich diese Begegnung tatsächlich zugetragen hat, darf bezweifelt werden. Doch wie bei vielen alten Legenden liegt ihre Bedeutung weniger in der historischen Wahrheit als in der Botschaft, die sie über Jahrhunderte hinweg bewahrt hat.

Die wundersame Begegnung im Wald

Wir befinden uns im frühen 8. Jahrhundert. Die ausgedehnten Wälder der Ardennen sind wild und unwegsam. Hier leben Hirsche, Wildschweine und Wölfe. Und hier soll einst Hubertus, ein Mann aus vornehmem fränkischem Geschlecht, seiner grossen Leidenschaft nachgegangen sein: der Jagd.

Der Überlieferung nach war Hubertus ein so leidenschaftlicher Jäger, dass ihn selbst der Karfreitag nicht davon abhalten konnte, mit seinen Hunden in den Wald zu ziehen.

An jenem Tag soll ihm ein mächtiger Hirsch begegnet sein. Ein prächtiges Tier mit einem gewaltigen Geweih. Hubertus hob bereits seine Waffe, um den Hirsch zu erlegen.

Doch plötzlich blieb das Tier stehen.

Zwischen seinen Geweihstangen erstrahlte ein hell leuchtendes Kreuz. Hubertus erstarrte. Manche Fassungen der Legende berichten sogar von einer Stimme, die ihn zur Umkehr aufforderte.

Tief erschüttert sank der Jäger auf die Knie.

Von diesem Augenblick an, so erzählt die Legende, war Hubertus nicht mehr derselbe Mensch. Er wandte sich von seinem bisherigen Leben ab, suchte die Einsamkeit und widmete sich fortan dem christlichen Glauben.

Später wurde er Priester und schliesslich Bischof.

Was wissen wir über den wirklichen Hubertus?

Hinter der Legende steht eine historische Persönlichkeit. Hubertus wurde vermutlich um das Jahr 655 geboren und entstammte dem fränkischen Adel. Er wirkte als Bischof von Maastricht und später von Lüttich. Besonders in den Ardennen setzte er sich für die Verbreitung des Christentums ein.

Er starb am 30. Mai 727. Sein Gedenktag am 3. November erinnert an die Erhebung seiner Gebeine im 8. Jahrhundert.

Interessant ist allerdings, dass die berühmte Hirschlegende ursprünglich gar nicht mit Hubertus verbunden war.

Sie wurde zunächst vom heiligen Eustachius erzählt, einem frühchristlichen Märtyrer, dem ebenfalls während einer Jagd ein Hirsch mit einem Kreuz im Geweih erschienen sein soll. Erst viele Jahrhunderte später ging diese Erzählung auf Hubertus über.

Das ist volkskundlich bemerkenswert. Denn Legenden waren nie unveränderliche Geschichten. Sie wanderten von einer Gegend in die andere, wurden weitererzählt, ausgeschmückt und mit anderen Persönlichkeiten verbunden.

So wurde aus dem Bischof Hubertus allmählich jener geheimnisvolle Jäger, den wir heute aus unzähligen Bildern und Darstellungen kennen.

Weshalb gerade ein Hirsch?

Der Hirsch spielt in den Vorstellungen unserer Vorfahren seit Jahrtausenden eine besondere Rolle.

Mit seinem mächtigen Geweih, das er jedes Jahr abwirft und neu bildet, wurde er zum Sinnbild für Erneuerung, Lebenskraft und Wiedergeburt.

Schon lange vor der Christianisierung Europas begegnen wir dem Hirsch in religiösen Vorstellungen und mythischen Erzählungen. Auch in der keltischen Bilderwelt nimmt das geweihtragende Tier einen bedeutenden Platz ein. Man denke etwa an Cernunnos, eine geheimnisvolle Gottheit, die häufig mit einem Hirschgeweih dargestellt wird.

Allerdings wäre es falsch, daraus eine direkte Verbindung zwischen Cernunnos und dem heiligen Hubertus abzuleiten. Vielmehr zeigt sich, wie tief die Symbolik des Hirsches in verschiedenen europäischen Überlieferungen verwurzelt ist.

In der christlichen Legende wird das Tier schliesslich zum Überbringer einer göttlichen Botschaft.

Der Jäger, der bislang nur die Beute sah, erkennt plötzlich etwas anderes: das Wunder des Lebens.

Hubertus und das alte Jagdbrauchtum

Bis heute wird der Hubertustag in zahlreichen Regionen Europas feierlich begangen. Besonders in der Schweiz, in Deutschland, Österreich, Belgien und Frankreich haben sich verschiedene Formen des Hubertusbrauchtums erhalten.

Zu den bekanntesten gehören die Hubertusmessen.

Dabei werden Kirchen mit Tannenzweigen, herbstlichem Laub und gelegentlich mit Hirschgeweihen geschmückt. Jagdhornbläser begleiten die Gottesdienste mit ihren traditionellen Instrumenten. Besonders eindrücklich klingt die Musik der Parforcehörner, deren voller, warmer Ton an die einstigen höfischen Jagden erinnert.

Ursprünglich waren Jagdhörner übrigens keine eigentlichen Musikinstrumente für feierliche Anlässe. Sie dienten vor allem der Verständigung während der Jagd. Bestimmte Hornsignale verkündeten beispielsweise den Beginn einer Jagd, das Sammeln der Jäger oder deren Ende.

Aus solchen praktischen Signalen entwickelte sich im Laufe der Zeit eine eigene musikalische Tradition.

Hubertusbrot, geweihter Salzsegen und der Schutz vor Tollwut

Weniger bekannt dürfte sein, dass der heilige Hubertus früher nicht nur als Schutzpatron der Jäger angerufen wurde.

Er galt auch als Beschützer der Hunde und als Helfer gegen die gefürchtete Tollwut.

Diese Krankheit war in früheren Jahrhunderten eine schreckliche Bedrohung. Wurde ein Mensch von einem tollwütigen Tier gebissen, gab es kaum Hoffnung auf Rettung.

Im Volksglauben suchte man deshalb Zuflucht bei Heiligen, denen besondere Heilkräfte zugeschrieben wurden.

Am Hubertustag wurden mancherorts Brot, Salz oder Wasser gesegnet. Dem sogenannten Hubertusbrot schrieb man eine schützende Wirkung zu. Auch Jagdhunde wurden in solche Segensbräuche einbezogen.

Besonders eigentümlich war der Brauch des Hubertusschlüssels. Dabei handelte es sich um ein eisernes Instrument, mit dem Tiere zum vermeintlichen Schutz vor Tollwut gebrannt wurden.

Aus heutiger Sicht waren solche Praktiken medizinisch wirkungslos und teilweise grausam. Volkskundlich zeigen sie jedoch, wie die Menschen versuchten, einer kaum beherrschbaren Gefahr mit religiösen Mitteln zu begegnen.

Die Botschaft des Hubertustages

Der Hubertustag hat auch heute noch eine Bedeutung, die über die eigentliche Jagd hinausgeht.

Im Mittelpunkt steht der Gedanke der Waidgerechtigkeit: der verantwortungsvolle Umgang mit dem Wild, die Achtung vor dem Tier und die Verpflichtung, die natürlichen Lebensräume zu erhalten.

Dabei ist die Jagd heute durchaus ein Thema, über das unterschiedliche Ansichten bestehen. Während die einen sie als notwendigen Bestandteil der Wildtierregulierung und der Hege betrachten, stehen andere dem Töten von Wildtieren grundsätzlich kritisch gegenüber.

Gerade deshalb scheint mir die alte Hubertuslegende bemerkenswert.

Sie erzählt nämlich nicht vom erfolgreichen Jäger, der stolz seine Beute nach Hause trägt. Sie erzählt von einem Menschen, der innehält.

Von einem Jäger, der seine Waffe senkt.

Und von der Erkenntnis, dass die Natur nicht einfach nur dazu da ist, vom Menschen genutzt zu werden.

Ein alter Brauch, der zum Nachdenken anregt

Anfang November liegen die Wälder oft im Nebel. Die letzten Blätter fallen von den Bäumen, und mit jedem Tag wird es ein wenig stiller. Wer jetzt durch den Wald streift, erlebt jene besondere Stimmung des Spätherbstes, in der sich die Natur langsam auf den Winter vorbereitet.

Vielleicht passt gerade deshalb der Hubertustag so gut in diese Jahreszeit.

Denn die Geschichte des heiligen Hubertus erinnert uns daran, dass wir Menschen nicht über der Natur stehen, sondern selbst ein Teil von ihr sind.

Dazu braucht es weder eine wundersame Erscheinung noch einen Hirsch mit einem leuchtenden Kreuz zwischen den Geweihstangen.

Manchmal genügt es schon, im Wald stehen zu bleiben, aufmerksam hinzuhören und sich bewusst zu werden, wie viel Leben uns umgibt.

Und vielleicht ist das die schönste Botschaft, die uns diese jahrhundertealte Legende hinterlassen hat.

 

Quellen und weiterführende Informationen

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Ein älterer Mann mit grauem Haar und Brille sitzt in einem Holzstuhl, trägt einen dunklen Pullover, hält ein aufgeschlagenes Buch in der Hand und blickt von den Seiten auf. Der Hintergrund ist eine schlichte, helle Wand.

Ich bin Hanspeter Gautschin, Erzähler und Autor von BodeständiX – Geschichten, die bleiben.

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