Es gibt Laster, die tragen Frack, und andere erscheinen in Filzpantoffeln. Der Tabak gehört zu den wenigen Untugenden, die beides beherrschen.
Er sass einst geschniegelt in den Herrenzimmern der Diplomaten, hing später aus dem Mundwinkel von Hafenarbeitern und lag schliesslich, geschniegelt und demokratisiert, auf jeder Beizentheke zwischen Bierdeckeln und Streichhölzern. Heute dagegen steht der Raucher frierend vor Restaurants, als hätte er einen mittelgrossen Bankraub begangen. Die Geschichte des Tabaks ist deshalb keine Geschichte einer Pflanze allein. Sie erzählt von Macht, Mode, Medizin, Eitelkeit und von jener eigentümlichen Sehnsucht des Menschen, sich mit kleinen Rauchwolken über die eigene Vergänglichkeit hinwegzutäuschen.
Als Europa den Rauch entdeckte
Als Christoph Kolumbus 1492 in Amerika landete, suchte er bekanntlich Indien und fand stattdessen die Zukunft der Bronchien Europas. Die Matrosen beobachteten erstaunt, wie die Ureinwohner zusammengerollte Blätter anzündeten und den Rauch einatmeten. Damals hielt man das vermutlich für eine Art Zauberei. Allerdings glaubte Europa im fünfzehnten Jahrhundert auch, dass pulverisierte Mumien gegen Kopfschmerzen helfen könnten. Der Massstab wissenschaftlicher Vernunft lag also noch angenehm tief.
Die Pflanze Nicotiana tabacum trat danach ihren Siegeszug an. Der französische Diplomat Jean Nicot schickte im sechzehnten Jahrhundert Tabaksamen an den Hof von Katharina von Medici und pries das Gewächs als Heilmittel gegen Migräne. Ihm verdankt das Nikotin seinen Namen. Es ist eine hübsche Ironie der Geschichte, dass ein Stoff, der später Millionen in nervöse Kettenraucher verwandelte, zunächst als Arznei empfohlen wurde. Doch damals galt beinahe alles als Medizin, sofern es teuer roch oder exotisch aussah.
Vom Heilmittel zum Hausgebrauch
Auch in der Schweiz wurde der Tabak mit der Begeisterung empfangen, die man sonst nur wandernden Wunderheilern entgegenbrachte. Gegen Asthma rauchte man ihn. Gegen Würmer trank man ihn. Gegen Verstopfung verabreichte man ihn als Klistier, was beweist, dass frühere Jahrhunderte ein robusteres Verhältnis zur Körperlichkeit hatten als unsere Wellnesszeit mit Duftkerzen und Hafermilch. Besonders reizvoll wirkt aus heutiger Sicht die Empfehlung, Nichtraucher sollten bei Husten ruhig passiv mitrauchen, damit der heilende Rauch seine Wirkung entfalten könne. Man stelle sich den Landarzt vor, der hustenden Patienten eine Pfeife reicht und dazu väterlich nickt.
Wakan Tanka und die Sache mit dem heiligen Rauch
Überhaupt war der Tabak lange ein Gegenstand ehrwürdiger Rituale. Für viele nordamerikanische Ureinwohner galt er als heilige Pflanze. Der Rauch stieg nicht bloss zum Himmel auf; er trug Gebete, Bitten und Dankbarkeit mit sich. In Zeremonien der Lakota etwa verband der Rauch die Menschen mit Wakan Tanka, dem grossen Geheimnis. Europa hingegen machte aus der spirituellen Pflanze in erstaunlich kurzer Zeit eine Steuerquelle und ein Statussymbol. Kaum hatte der Kontinent begriffen, dass man den Rauch inhalieren konnte, verlangten Fürsten bereits Abgaben dafür. Der Mensch bleibt praktisch veranlagt.
Rauch für Herren, Schweigen für Damen
Um 1900 war das Rauchen noch ein Privileg der besseren Gesellschaft. Herren rauchten Zigarren, Offiziere bevorzugten Pfeifen, und Damen sollten höchstens an Rosenblättern schnuppern. Wer damals als Frau öffentlich rauchte, galt ungefähr als Mischung aus Anarchistin und Zirkusartistin. Erst der Erste Weltkrieg veränderte die Sitten. In den Schützengräben wurde geraucht wie in fahrenden Lokomotiven. Zigaretten beruhigten Nerven, vertrieben den Gestank des Krieges und schenkten den Soldaten für fünf Minuten das Gefühl, noch Menschen zu sein. Nach dem Krieg blieb die Zigarette zurück wie ein ungebetener Veteran.
Die goldenen Jahre des blauen Dunstes
Die fünfziger und sechziger Jahre machten das Rauchen endgültig zum Volkssport. Filmstars pafften lässig auf Kinoleinwänden, Fernsehmoderatoren qualmten zwischen zwei Ansagen, und in Büros hing der Rauch derart dicht unter der Decke, dass man Akten vermutlich nach Geruch sortierte. Frauen griffen nun ebenfalls zur Zigarette. Die Werbung versprach Freiheit, Eleganz und Abenteuer. Tatsächlich bekam man meistens gelbe Finger und Gardinen, die rochen wie eine Hafenkneipe nach Mitternacht.
Dann kamen die Ärzte, die Studien und die Rauchverbote. Plötzlich verwandelte sich der einst mondäne Raucher in einen gesellschaftlichen Aussenseiter mit Feuerzeug. Was früher als männlich, weltläufig oder verführerisch galt, wirkt heute ungefähr so rebellisch wie das Falschparkieren vor einer Apotheke. Selbst Kinder schauen Raucher inzwischen an, als hätten sie eben ein Eichhörnchen gegrillt.
Kleine Glut, grosse Gedanken
Und dennoch haftet dem Tabak etwas Melancholisches an. Vielleicht, weil jede Zigarette eine winzige Sanduhr ist. Sie glimmt langsam herunter, während ihr Besitzer Gedanken nachhängt, die ohne Rauch womöglich nie auftauchen würden. In alten Beizen sass der Tabak zwischen Einsamkeit, Stammtischphilosophie und Liebeskummer. Er begleitete Nachtwächter, Schriftsteller, Seeleute und gescheiterte Tenöre. Manche Menschen rauchten aus Nervosität, andere aus Langeweile, wieder andere aus jener stillen Hoffnung, der Qualm könne das Leben für einen Augenblick poetischer erscheinen lassen.
Qualmende Literatur und rauchende Kommissare
Der Tabak brachte übrigens nicht nur Rauch, sondern ganze Wirtschaftszweige hervor. In Bremen, Havanna und Virginia verdienten Händler Vermögen mit gepressten Blättern, während Fabrikarbeiterinnen Zigarren rollten, bis die Fingerspitzen nach Nikotin dufteten. Sogar die Literatur qualmte mit. Thomas Mann liess seine Figuren rauchen, Sherlock Holmes stopfte Pfeifen, und Georges Simenons Kommissar Maigret hätte ohne Tabak vermutlich keinen einzigen Fall gelöst. Die Zigarette wurde zur Requisite des Denkens. Wer nachdenklich wirken wollte, zündete sich etwas an und blickte bedeutungsvoll aus dem Fenster. Vielleicht erklärt das auch, weshalb schlechte Dichter früher mehr rauchten als gute. Der Rauch konnte wenigstens verbergen, dass ihre Verse keine Nebelschwaden erzeugten.
Von Pfeifen, Pods und vergangenen Zeiten
Heute übernehmen elektronische Zigaretten diese Rolle mit blinkenden Lämpchen und Geschmacksrichtungen, die an Himbeerbonbons, Vanillepudding oder tropische Ferien erinnern, die man gar nie gebucht hat. Der klassische Raucher betrachtet solche Geräte meist mit jener Skepsis, mit der Grossväter auf Trottinetts und vegane Cervelats reagieren. Wahrscheinlich. Irgendwie.
Denn der alte Raucher will keine Gebrauchsanweisung, keine Ladestation und keinen USB-Anschluss. Er will Feuer. Ein Streichholz, ein kurzes Aufflackern, ein erstes Ziehen, dann diese kleine Pause, in der die Welt für ein paar Sekunden tut, als könne sie warten. Das war nie besonders vernünftig. Aber Vernunft war selten der Grund, weshalb Menschen rauchten. Sie rauchten nach dem Essen, vor schwierigen Gesprächen, nach schlechten Nachrichten, vor guten Vorsätzen und manchmal einfach, weil der Abend sonst zu still gewesen wäre.
So bleibt der Tabak ein fragwürdiger Begleiter. Einer, den man besser verabschieden sollte, der aber nicht ohne Geschichte, Duft und Erinnerung geht. Er hat Salons vernebelt, Schützengräben erträglicher gemacht, Dichterposen befeuert und Beizen in Orte verwandelt, an denen die Luft zwar schlecht, die Gespräche aber manchmal erstaunlich gut waren. Heute steht der Raucher draussen im Wind, ein wenig schuldbewusst, ein wenig trotzig, und bläst seinen Rauch in eine Zeit, die gesünder geworden ist, aber nicht unbedingt gelassener.







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