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In roter Schrift steht "BodeständiX" über dem schwarzen Text "Der Autorenblog von Hanspeter Gautschin" auf weißem Hintergrund.
Die neue Lust am Verbessern
Zwei Männer sitzen an einem Cafétisch und unterhalten sich bei einer Tasse Kaffee, während im Hintergrund andere Gäste zu sehen sind. Die warme, sanft beleuchtete Aquarellszene weckt die Lust auf Begegnungen und lädt zum Verweilen und zur Aufhellung der Stimmung ein.

Manchmal frage ich mich, wann wir eigentlich damit begonnen haben, einander dauernd verbessern zu wollen.

Früher gab es im Dorf immer jemanden, der alles besser wusste. Den pensionierten Lehrer, den Gemeinderat, den Pfarrer oder den Nachbarn am Stammtisch. Sie erklärten den anderen, wie man Kinder erzieht, einen Garten pflegt oder das Leben führt. Man hörte zu, nickte höflich und machte anschliessend doch, was man für richtig hielt.

Heute sind diese Figuren nicht verschwunden. Sie haben lediglich neue Kleider angezogen.

Statt über Tugenden und Charakter zu sprechen, reden wir über Muster, Traumata und Prozesse. Statt des Dorfpfarrers tritt der Coach auf den Plan, statt der Moralpredigt die Analyse.

Merkwürdig wird es dort, wo die Beschäftigung mit sich selbst plötzlich zur Beschäftigung mit allen anderen wird.

Dann wird aus dem Gespräch eine Untersuchung. Aus einer Beobachtung eine Diagnose. Aus Anteilnahme eine sanfte Bevormundung.

Der andere erzählt von einer Schwierigkeit, und schon wird ihm erklärt, welches Muster dahintersteckt. Er berichtet von einem Konflikt, und sofort tauchen Begriffe wie Prägung, Trauma oder Bindungsangst auf. Kaum hat er einen Satz beendet, weiss bereits jemand, was in seiner Kindheit schiefgelaufen sein muss.

Der Mensch auf der anderen Seite wird dabei leicht übersehen.

Vielleicht wollte er einfach erzählen. Vielleicht suchte er kein Rezept, sondern ein offenes Ohr. Vielleicht hätte ihm ein schlichtes «Das verstehe ich» mehr geholfen als eine kleine Privatanalyse zwischen Tür und Angel.

Mir scheint, wir leben in einer Zeit, in der das Zuhören langsam aus der Mode kommt.

Viele Gespräche gleichen heute Reparaturwerkstätten. Kaum zeigt jemand eine Schramme, stehen bereits drei Fachleute bereit, um daran herumzuschrauben. Der eine empfiehlt einen Podcast, die andere ein Seminar, der dritte eine Atemtechnik. Jeder weiss etwas, jeder hat einen Ansatz, jeder möchte helfen.

Nur wenige halten es aus, dass ein Mensch sein Problem vielleicht selbst lösen muss.

Dabei liegt gerade darin ein Stück Würde.

Früher wurde moralisiert, heute wird therapeutisiert

Wer etwas älter ist, erinnert sich noch an eine andere Welt. Natürlich gab es damals ebenfalls Menschen, die urteilten und belehrten. Doch die Sprache war eine andere. Man sprach von Anstand, Fleiss, Bescheidenheit oder Pflichtgefühl. Wer von der Norm abwich, bekam zu hören, er solle sich zusammennehmen oder vernünftig werden.

Heute spricht man seltener von Charakter und häufiger von Mustern. Seltener von Schwächen und häufiger von Themen. Seltener von Fehlern und häufiger von Prozessen.

Der Mensch bleibt derselbe. Nur die Verpackung hat gewechselt.

Früher wurde moralisiert. Heute wird therapeutisiert.

Beides kann auf Dauer ziemlich mühsam werden.

Denn ob jemand sagt: «Du solltest dich anders verhalten», oder ob er sagt: «Da steckt vermutlich ein ungelöstes Thema dahinter», macht für den Empfänger oft keinen grossen Unterschied. In beiden Fällen schwingt die Botschaft mit, dass der andere so, wie er gerade ist, noch nicht ganz genügt.

Wer jedem Menschen sofort erklären will, was mit ihm los ist, hört irgendwann auf, ihn wirklich zu sehen.

Der andere als Projekt

Vielleicht erklärt das, weshalb manche Menschen auf gut gemeinte Ratschläge zunehmend allergisch reagieren.

Sie spüren instinktiv, dass hinter vielen Analysen eine Haltung steckt, die weniger mit Interesse als mit Überlegenheit zu tun hat.

Der andere wird zum Projekt.

Man betrachtet ihn nicht mehr als eigenständigen Menschen, sondern als Baustelle mit Verbesserungspotenzial. Da fehlt noch etwas Einsicht. Dort wäre etwas mehr Bewusstsein nötig. Hier müsste man eine alte Prägung anschauen. Und schon steht der Mensch nicht mehr als Gegenüber im Raum, sondern als Fallstudie.

Das ist eine merkwürdige Form von Nähe.

Sie kommt freundlich daher, spricht sanft und meint es meistens gut. Trotzdem kann sie erdrückend wirken. Denn niemand möchte in einer Beziehung, in einer Freundschaft oder in einem Gespräch dauernd das Gefühl haben, innerlich vermessen zu werden.

Es gibt Menschen, die betreten einen Raum und suchen zuerst nach Fehlern. Andere betreten einen Raum und sehen Menschen. Der Unterschied ist gewaltig.

Die alten Eigenheiten

Dabei sind gerade die unvollkommenen Menschen oft die interessantesten.

Der Nachbar, der seit vierzig Jahren über denselben Witz lacht. Die Tante, die sich in jede Diskussion einmischt. Der Vereinskamerad, der stets fünf Minuten zu spät kommt. Der alte Handwerker, der seine Sätze mit einem Brummen beginnt und mit einem Kopfschütteln beendet.

Sie alle bringen Eigenheiten mit, die sich kaum in ein Entwicklungskonzept einordnen lassen.

Zum Glück.

Denn das Leben besteht nicht aus optimierten Persönlichkeiten. Es besteht aus Menschen. Aus Kanten, Schrullen, Umwegen, Verletzungen, Talenten, Schwächen und Widersprüchen.

Wer alles glätten will, macht die Welt nicht menschlicher. Er macht sie ärmer.

Vorleben statt belehren

Ein Freund sagte einmal einen Satz, den ich nie vergessen habe: «Die meisten Menschen brauchen keinen Ratgeber. Sie brauchen jemanden, der ihnen zutraut, ihr Leben selbst zu meistern.»

Darin steckt mehr Weisheit als in manchem Wochenendseminar.

Echter Respekt zeigt sich dort, wo wir aufhören, andere zu unserem Projekt zu machen.

Man muss nicht auf jede Frage eine Antwort haben. Man muss auch nicht jeden Schmerz deuten, jede Schwäche einordnen und jedes Verhalten erklären. Manchmal genügt es, da zu sein. Manchmal genügt es, den anderen nicht gleich zu verbessern.

Wer etwas begriffen hat, muss es nicht pausenlos erklären. Er kann es leben.

Das war früher vielleicht eine der stärkeren Formen von Erziehung: das Beispiel. Der Grossvater, der nicht viele Worte machte, aber tat, was zu tun war. Die Grossmutter, die niemandem ein Lebenskonzept erklärte, aber wusste, wann jemand eine Suppe brauchte. Der Nachbar, der nicht von Achtsamkeit sprach, aber merkte, wenn irgendwo eine Hand fehlte.

Solche Menschen hielten keine Vorträge über Entwicklung. Sie waren einfach verlässlich.

Das selten gewordene Zuhören

Vielleicht wäre manches Gespräch wohltuender, wenn wir weniger analysierten und mehr zuhörten.

Die Welt ist bereits voller Menschen, die erklären wollen. Sie erklären Beziehungen, Gefühle, Gesellschaft, Politik, Kindheit, Körper, Ernährung, Sprache und Seele. Für alles gibt es Begriffe. Für alles gibt es Modelle. Für alles gibt es jemanden, der genau weiss, wo der Hebel anzusetzen wäre.

Menschen, die zuhören können, sind seltener geworden.

Zuhören heisst nicht, stumm danebenzusitzen. Es heisst, dem anderen für einen Moment den Raum zu lassen, ohne ihn sofort zu besetzen. Es heisst, einen Menschen nicht gleich in die eigene Weltanschauung einzubauen. Es heisst, auszuhalten, dass jemand anders lebt, anders denkt und anders stolpert.

Das ist anspruchsvoller, als es klingt.

Denn wer zuhört, verzichtet für einen Augenblick auf Macht. Er erklärt nicht. Er korrigiert nicht. Er sortiert nicht. Er lässt den anderen gelten.

Und manchmal ist das grösste Geschenk, das wir einem Mitmenschen machen können, erstaunlich schlicht:

Wir lassen ihn sein, wer er ist.

 

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Über

Ein älterer Mann mit grauem Haar und Brille sitzt in einem Holzstuhl, trägt einen dunklen Pullover, hält ein aufgeschlagenes Buch in der Hand und blickt von den Seiten auf. Der Hintergrund ist eine schlichte, helle Wand.

Ich bin Hanspeter Gautschin, Erzähler und Autor von BodeständiX – Geschichten, die bleiben.

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