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In roter Schrift steht "BodeständiX" über dem schwarzen Text "Der Autorenblog von Hanspeter Gautschin" auf weißem Hintergrund.
Die Sehnsucht nach dem starken Hirten
Ein Hirte, der starke Hirte, geht bei Sonnenaufgang einen Feldweg entlang und führt eine große Schafherde durch sanfte Hügel und grasbewachsene Felder, in der Ferne sind die Berge unter einem goldenen Himmel zu sehen.

Wer einmal Schafe beobachtet hat, merkt schnell: Sie fühlen sich wohler, wenn jemand vorangeht.

Der Hirte gibt die Richtung vor, schützt vor Gefahren und entscheidet, wohin die Herde zieht. Für das einzelne Tier ist das bequem. Es muss weder den Weg suchen noch die Verantwortung tragen.

Der Mensch hält sich gerne für grundverschieden. Er betrachtet sich als freies Wesen, als selbstbestimmte Persönlichkeit. Und doch zeigt ein Blick in die Geschichte, dass auch wir immer wieder nach Hirten suchen.

Sie tragen unterschiedliche Namen. Könige, Feldherren, Parteiführer, Revolutionäre, Experten, Influencer oder Meinungsmacher. Manche treten in Uniform auf, andere im Massanzug, wieder andere vor Fernsehkameras oder auf Bildschirmen. Die Rollen wechseln. Das Bedürfnis dahinter bleibt erstaunlich konstant.

Die meisten Menschen wünschen sich Freiheit. Gleichzeitig wünschen sie sich Sicherheit. Das Problem besteht darin, dass beides nicht immer gleichzeitig zu haben ist.

Freiheit bedeutet, Entscheidungen treffen zu müssen. Freiheit bedeutet auch, die Folgen der eigenen Entscheidungen zu tragen. Wer frei sein will, kann sich irren. Er kann scheitern. Er kann sich nicht hinter anderen verstecken.

Das ist anstrengend.

Ich erinnere mich an eine Vereinssitzung vor vielen Jahren. Es ging um eine eher nebensächliche Frage. Nichts Weltbewegendes. Trotzdem blickten plötzlich alle zum Präsidenten. Was meinte er dazu? Wie wollte er entscheiden?

Dabei bestand der Vorstand aus lauter erwachsenen Menschen mit Lebenserfahrung. Handwerker, Kaufleute, Lehrer, Gewerbler. Jeder von ihnen hätte seine Meinung äussern können. Doch für einen Augenblick schien es einfacher, auf ein Signal von oben zu warten.

Es war nur eine Kleinigkeit. Gleichzeitig zeigte sie etwas, das weit über diesen Abend hinausweist.

Viel angenehmer ist es, wenn jemand anders die Verantwortung übernimmt. Dann gibt es Vorschriften, Leitlinien, Programme und Empfehlungen. Man folgt ihnen und kann sich später darauf berufen, lediglich getan zu haben, was vernünftig, notwendig oder vorgeschrieben war.

So entstehen Abhängigkeiten, die selten mit Gewalt beginnen.

Die meisten Herrschaftssysteme der Geschichte wurden nicht allein mit dem Schwert aufrechterhalten. Sie lebten davon, dass genügend Menschen an ihre Legitimität glaubten. Der König herrschte von Gottes Gnaden. Die Partei kannte den Weg in die Zukunft. Die Ideologie versprach Gerechtigkeit. Die Experten verfügten über das nötige Wissen.

Jede Zeit findet ihre eigenen Begründungen.

Wer genauer hinschaut, entdeckt dabei etwas Erstaunliches. Die Mächtigen sind oft weniger mächtig, als sie erscheinen. Ihre Stellung hängt davon ab, dass genügend Menschen bereit sind, ihnen diese Stellung einzuräumen.

Das bedeutet keineswegs, dass alle Unterdrückung freiwillig geschieht. Die Geschichte kennt zahllose Beispiele von Menschen, die unter Gewalt, Zwang und Willkür leiden mussten. Doch selbst die härteste Herrschaft kann auf Dauer kaum bestehen, wenn ihr jede Zustimmung entzogen wird.

Deshalb lohnt sich ein Blick auf die andere Seite der Macht.

Was bewegt Menschen dazu, Verantwortung abzugeben?

Vielleicht ist es die Angst vor Unsicherheit.

Vielleicht die Hoffnung auf Ordnung.

Vielleicht die Sehnsucht nach Zugehörigkeit.

Vor einiger Zeit stand ich in einem Geschäft an der Kasse. Vor mir diskutierten zwei Kunden über ein aktuelles politisches Thema. Nach einigen Minuten sagte der eine: «Die da oben sollen endlich sagen, was wir machen müssen.»

Der Satz war vermutlich beiläufig gemeint. Trotzdem blieb er mir im Gedächtnis.

Er verriet etwas über eine Haltung, die weit verbreitet ist. Viele Menschen wünschen sich Klarheit. Daran ist nichts auszusetzen. Schwieriger wird es dort, wo aus dem Wunsch nach Orientierung die Erwartung wird, andere müssten das Denken und Entscheiden übernehmen.

Wer einer Gruppe folgt, muss weniger selbst abwägen. Die Gemeinschaft liefert Antworten, bevor Fragen entstehen. Sie erklärt, wer die Guten sind und wer die Bösen. Sie bestimmt, was gesagt werden darf und was besser ungesagt bleibt.

Das entlastet.

Der Preis dafür wird oft erst später sichtbar.

Denn je länger Menschen sich daran gewöhnen, geführt zu werden, desto schwerer fällt es ihnen, ihren eigenen inneren Kompass zu benutzen. Das Urteil anderer erhält mehr Gewicht als die eigene Wahrnehmung. Die öffentliche Meinung wird wichtiger als die persönliche Überzeugung.

Irgendwann entsteht eine seltsame Situation. Die Menschen beklagen sich über diejenigen, die über sie bestimmen, während sie gleichzeitig nach neuen Autoritäten Ausschau halten. Kaum ist ein Hirte verschwunden, wird der nächste gesucht.

Die Namen ändern sich. Das Muster bleibt.

Dabei beginnt Eigenverantwortung meist unspektakulär.

Sie zeigt sich in kleinen Entscheidungen des Alltags. Im Mut, eine eigene Meinung zu vertreten. Im Eingeständnis eigener Fehler. In der Bereitschaft, die Schuld nicht immer bei anderen zu suchen.

Wer diesen Weg geht, wird nicht automatisch reich, erfolgreich oder beliebt. Er wird auch keine Weltrevolution auslösen.

Aber er wird schwerer lenkbar.

Vielleicht ist genau das der Grund, weshalb echte Freiheit selten als Massenbewegung auftritt. Sie beginnt nicht auf öffentlichen Plätzen und nicht in den Machtzentren dieser Welt.

Sie beginnt dort, wo ein Mensch aufhört, nach dem starken Hirten Ausschau zu halten und stattdessen lernt, seinen eigenen Weg zu gehen.

 

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Ein älterer Mann mit grauem Haar und Brille sitzt in einem Holzstuhl, trägt einen dunklen Pullover, hält ein aufgeschlagenes Buch in der Hand und blickt von den Seiten auf. Der Hintergrund ist eine schlichte, helle Wand.

Ich bin Hanspeter Gautschin, Erzähler und Autor von BodeständiX – Geschichten, die bleiben.

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