In der Schweiz verschwinden die Poststellen. Sie werden gestrichen. Man sagt: «rationalisiert».
Die Herren und Damen in der Verwaltung, bequem auf ihren Sesseln, finden das klug. Ihre Tabellen zeigen, was sich lohnt und was nicht. Da stehen Zahlen drin. Aber kein einziger Mensch.
Die Folgen sind bekannt. Es gibt zwar noch Briefträger. Auch Briefträgerinnen. Aber ich habe Mitleid mit ihnen. Heute fahren sie auf gelben Elektrodreirädern durch die Quartiere. Das surrt wie eine erschöpfte Mücke und klingt nicht halb so heroisch wie früher das Knattern eines Motors. Pakete bringen sie keine mehr, die kommen separat mit Lieferwagen. Briefe, Reklamen, und manchmal ein amtliches Couvert – das ist ihre Last. Und diese Last wiegt schwer. Nicht weil sie schwer wäre, sondern weil sie getaktet ist.
Jede Route wird kontrolliert. Mit der Stechuhr. Wer zu langsam fährt, fällt auf. Wer fünf Minuten stehenbleibt, macht sich verdächtig. Deshalb sausen sie gehetzt an uns vorbei, die Augen starr nach vorne, den Rücken verkrampft. Man grüsst ihnen noch zu. Aber sie haben keine Zeit, zurückzuwinken.
Früher war das anders. Viel anders.
Wir hatten in Oberdorf nicht nur einen Posthalter, sondern gleich drei wackere Pöstler. Drei Männer, die in Oberdorf aufgewachsen waren und das Dorf kannten wie ihre Westentasche – und die Westentasche war in ihrem Fall eine lederne Umhängetasche, vollgestopft mit Briefen, Quittungsblöcken und Bargeld. Sie kannten jeden Hund beim Namen, wussten, wo die alten Leute schlecht hörten, und kannten die besten Abkürzungen.
Sie kamen nicht auf leisen Elektroflitzern, sondern auf Motorrädern. Kreidler Florett hiess das Zaubergefährt. Ein kleines Zweirad, hochtourig, mit einem Motor, der klang, als wolle er gleich davonfliegen. Schon von weitem hörte man es: ein heiseres Knattern, das sich durch die Gassen schraubte. Für uns Kinder war es Musik. Noch heute höre ich diesen Klang, und jedes Mal wird mir warm ums Herz.
Die Pöstler von damals waren pünktlich. Am Morgen kam die Post. Immer. Ab neun Uhr konnte man mit ihnen rechnen. Und sie brachten nicht nur Briefe. Sie brachten auch die AHV, bar auf die Hand. Münze für Münze, Schein für Schein, sauber gezählt. Kein Automat, kein Code, kein Warten in einer Bankfiliale. Ein Handschlag, ein freundliches Wort, ein herzliches Dankeschön.
Und sie hatten Zeit. Dieses Zauberwort muss man wiederholen: Zeit.
Sie stellten das Motorrad ab, liessen die Tasche hängen und standen da. Am Gartenzaun, im Hausflur, auf der Schwelle. Und dann wurde geredet. Nicht lange, aber herzlich. Die Alten freuten sich über jede Minute. Die Hausfrauen, die zuhause bei den Kindern blieben, ebenso. Damals war es üblich, dass die Frauen den Haushalt führten und nur selten mitverdienen mussten. Für sie war der Pöstler ein kleines Fenster zur Welt.
Und er erzählte. Vom Wetter. Von der Kuh, die wieder einmal ausgebüxt war. Vom Buben, der in der Schule einen Streich gemacht hatte. Von der Nachbarin, die sich ein neues Kleid gekauft hatte. Kurze Geschichten, aber sie füllten die Küche mit Leben.
Heute haben wir Social Media. Man schreibt: «Alles gut?» – «Ja, und bei dir?»
Damals sagte man: «Wie geht’s?» – und hörte die Antwort auch an.
Wer Zeit verschenkt, hat doppelt gewonnen.
So einfach war das.
Unvergesslich war die Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr. Die Pöstler machten ihre Runde, wie immer. Aber die Luft war anders. Dankbarer, festlicher. Da bekamen sie kleine Zuwendungen. Ein Fünfliber wanderte in die Tasche, manchmal gar eine Zehnernote. Bei den Bauern gab es einen «Kaffi Fertig». Ein starker Kaffee mit einem kräftigen Schuss Kirsch. Oder gleich ein «Burgermeisterli». Danach startete die Kreidler mit noch mehr Begeisterung, und der Pöstler sah ein bisschen rosiger aus als sonst.
Die Runde im alten Jahr war ein Festumzug. Sie kamen langsamer voran, weil sie überall willkommen waren. Ein Händedruck hier, ein Lachen da, ein Stuhl am Küchentisch, ein Stück Kuchen, ein Glas. Und die Kinder staunten: Der Mann in Uniform, der sonst Briefe brachte, wurde behandelt wie ein Ehrengast.
Natürlich waren das andere Zeiten. Aber sie waren menschlicher.
Heute ist die Post ein Konzern. Ein Betrieb, der mit Bilanzen rechnet. Menschen sind Kunden geworden. Kunden sind Nummern. Nummern sind Punkte in einer Bilanz.
Fortschritt nennt man das. Aber wenn der Fortschritt Begegnungen zerstört, ist er ein Rückschritt in Verkleidung.
Fortschritt ist schön.
Nur schade: oft geht das Menschliche drauf.
Ich sehe den Pöstler von damals noch vor mir. Am Gartentor, mit rotem Gesicht, von Wind und Wetter gegerbt. Die Tasche voll, das Lächeln offen. Und im Hintergrund knatterte die Florett, ungeduldig, als wolle sie gleich wieder weiterfahren.
Heute sehe ich die Pöstler auf ihren Dreirädern. Sie surren vorbei, gehetzt, gedrängt, gestoppt und getrieben von Uhren, die man ihnen ins Genick gesetzt hat.
Vielleicht lachen die Jungen über meine Erinnerungen. «Der Alte erzählt wieder einmal von der ‘guten alten Zeit’,» werden sie sagen. Aber vielleicht denken sie im Stillen: «Wie schön muss das gewesen sein.»
Denn eines ist sicher: Was man nicht erlebt hat, kann man sich schwer vorstellen. Aber man kann es sich wünschen.
Und vielleicht – wer weiss – kommt irgendwann der Augenblick, an dem man wieder begreift:
Ein Pöstler, der Zeit hat,
bringt mehr als Briefe.
Er bringt Geschichten.
Er bringt ein Stück Menschlichkeit.







Die Postgeschichte kann ich als Zunzger zu 100 % bestätigen. Mein Freund war der Sohn des Posthalters und wir durften im Winter die Post auf die Bauernhöfe ausserhalb des Dorfes vorbeibringen mit Schlitten oder auf Skis (Stöckli superieur!)
Schön, dass du die Geschichte so bestätigen kannst. Eure Wintertouren mit Schlitten oder auf den Stöckli-Skiern – das ist ja herrlich! Da steckt so viel von dieser alten Dorfpost-Atmosphäre drin. Unglaublich, wie selbstverständlich die Jugend damals eingespannt wurde, und gleichzeitig klingt es heute wie aus einer anderen Welt.
Wieder mal Zeit um diesen Film wieder mal zu sehen:
Bienvenue chez les CH*tis
Ja, den Film mag ich auch sehr! Diese Mischung aus Herz, Humor und ein bisschen Wehmut ist einfach wunderbar. Und wie die Menschen im Norden gezeigt werden – rauh im Ton, aber herzlich im Kern – das erinnert mich ein Stück weit auch an unsere eigenen Dörfer.
Zu minere Jugendzyt isch dr Krattiger Max und dr Riedo Werner ufem Florett Poscht cho bringe. Meischtens paar Wort gwächslet. Poschthalter isch dr Rudin gsi.
Jo genau. Und denn no dr Bischof!