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In roter Schrift steht "BodeständiX" über dem schwarzen Text "Der Autorenblog von Hanspeter Gautschin" auf weißem Hintergrund.
Was Tiere uns lehren können
Zwei ältere Frauen in farbenfroher, gemusterter Kleidung und Schmuck spazieren zusammen in einem Wald, lächeln und halten sich an den Händen, während sie Lehren und Lernen aus der Natur genießen, während ein fröhlicher schwarz-brauner Hund an der Leine neben ihnen herläuft.

Vor vielen Jahren, als ich noch in einem jener Berner Gotthelf-Dörfer lebte, in denen die Häuser wirken, als hätten sie Charakter, und die Wege noch etwas von alter Ordnung wissen, hielt ich mich für einen leidlich anständigen Menschen.

Das tun bekanntlich viele. Wer morgens zurechtgemacht vor den Spiegel tritt und sich nicht gerade selber zuzwinkert wie ein Bankdirektor vor der Jahresprämie, glaubt gern, mit den gröberen Lastern nichts zu schaffen zu haben. Überheblich? Ich? Bewahre. Hoffärtig? Kaum. Elitär? Das überlasse ich den Leuten mit den grossen Worten, den kleinen Herzen und den teuren Brillen.

Freilich hatte ich den Verdacht, dass ich gewisse Mitmenschen lästig fand. Vor allem jene, die sich mit hochgezogenem Kinn durch die Welt bewegen, als sei der liebe Gott ihr persönlicher Pressechef. Solche Leute regen mich auf. Ich betrachte sie mit jener milden Verachtung, die der Mensch den Fehlern anderer entgegenbringt, solange er sie in sich selber noch nicht entdeckt hat.

Nun hat das Leben die reichlich unanständige Gewohnheit, uns dann und wann einen Spiegel vorzuhalten. Meistens tut es das ziemlich diskret. Manchmal nimmt es dafür einen Hund.

Auf meinen morgendlichen Waldspaziergängen begegne ich regelmässig zwei Frauen aus der Nachbarschaft. Sie kommen mit ihrem Hund denselben Weg herauf, den ich hinuntergehe. Wir treffen uns fast täglich, als hätte ein unsichtbarer Protokollchef diese Begegnung in den Lauf der Dinge eingeschrieben.

Die beiden Damen sind von jener Art, die in einer ordentlich eingerichteten Welt sofort auffällt. Sie tragen Kleider, die offenbar ein Eigenleben führen. Farben, die andernorts vermutlich gegeneinander prozessieren würden, leben bei ihnen friedlich nebeneinander her. Ihre Stimmen sind so beschaffen, dass selbst eine Amsel kurz innehält und denkt: «Ach so klingt also Entschlossenheit.» Kurz: Sie entsprechen nicht ganz jenem Bild, das man gemeinhin unter dezenter Durchschnittlichkeit versteht.

Der Hund hingegen ist ein Geschöpf von klaren Grundsätzen. Er kann mich nicht leiden.

Sobald er mich sieht, spannt er sich an. Dann knurrt er. Mitunter bellt er mich an, als wäre ich ein Einbrecher, der sich als Spaziergänger verkleidet hat. Seine beiden Frauen halten ihn dann zurück, murmeln Entschuldigungen in meine Richtung, und ich lächle das Lächeln eines Mannes, der grosszügig verzeiht, obwohl er sich keiner Schuld bewusst ist.

Zunächst nahm ich die Sache sportlich. Hunde, dachte ich, haben ihre Launen. Manche mögen Briefträger nicht. Andere hassen Männer mit Hüten. Wieder andere geraten bei Regenschirmen in ideologische Erregung. Da darf einer auch mich unsympathisch finden. Das ist sein demokratisches Recht.

Doch weil sich die Szene Tag für Tag wiederholte, begann mein Ehrgeiz zu leiden. Man möchte schliesslich wissen, weshalb man von einem Tier abgelehnt wird, das einen kaum kennt. Der Mensch ist eitel. Selbst vor Hunden möchte er im Grunde beliebt sein.

Eines Morgens, als der Hund wieder sein gewohntes Missfallen über meine Anwesenheit kundtat, fragte ich ihn im Geiste: «Was habe ich dir eigentlich getan?»

Nun wirst du vielleicht sagen, mit Hunden zu sprechen sei nicht ganz vernünftig. Das mag sein. Allerdings führen die meisten Menschen auch sonst erstaunlich lange Gespräche mit sich selber, nur nennen sie das Nachdenken und fühlen sich dabei gebildet.

Jedenfalls antwortete der Hund. Natürlich bewegte er die Lippen nicht. Hunde sind in solchen Dingen diskret. Aber seine Antwort war so deutlich, als hätte er sie mir mit roter Tinte auf die Stirn geschrieben.

«Du lachst meine Frauen aus. Das dulde ich nicht.»

Ich war im ersten Augenblick empört. Ich? Auslachen? Was für eine reichlich freche Unterstellung. Ich hatte diese Frauen nie verspottet, nie auf sie gezeigt, nie irgendeine Bemerkung gemacht. Ich war stets höflich gewesen, ja beinahe vorbildlich. Wenn Höflichkeit eine olympische Disziplin wäre, hätte ich an jenem Morgen eine Goldmedaille verdient.

Doch der Hund schaute mich an, und sein Blick hatte jene einfache Aufrichtigkeit, gegen die jede menschliche Ausrede etwas gekünstelt wirkt.

Da geschah etwas Unangenehmes. Es dämmerte mir.

Tatsächlich hatte ich die beiden Frauen ausgelacht. Nicht laut. Nicht grob. Nicht mit jenem vulgären Gelächter, das schon von weitem wie eine Ohrfeige klingt. Viel raffinierter. Viel zivilisierter. Ich hatte sie innerlich belächelt.

Ihre Kleider. Ihre Stimmen. Ihre ganze Art, unbekümmert an allen stillschweigenden Regeln des guten Geschmacks vorbeizuleben. Das alles hatte ich wahrgenommen und in jene kleine, heimliche Schublade gelegt, in der wir Menschen unsere Überlegenheitsgefühle aufbewahren. Sehr ordentlich gefaltet. Fast geruchlos. Moralisch scheinbar einwandfrei.

Mit anderen Worten: Ich hatte mich für besser gehalten.

Das ist eine weit verbreitete Beschäftigung. Man betreibt sie oft im Stillen, bei vollem Bewusstsein der eigenen Liberalität. Man sagt nichts Böses. Man tut niemandem offen weh. Man lächelt bloss ein wenig von oben herab. Es ist das höfliche Laster der Anständigen.

Und gerade darin liegt sein besonderer Reiz. Wer offen gemein ist, bekommt Widerspruch. Wer bloss innerlich lächelt, darf sich weiter für einen feinen Menschen halten.

Der Hund aber hatte meine feine Menschlichkeit durchschaut. Tiere interessieren sich bekanntlich wenig für unsere Selbstzeugnisse. Sie lesen keine Charakterreferenzen. Sie prüfen weder Titel noch Tonfall. Sie merken einfach, wie einer einem andern begegnet. Vielleicht kennen sie keine Philosophie. Dafür beherrschen sie eine Kunst, in der viele Menschen erschreckend unbegabt bleiben: Sie wittern Geringschätzung.

Ich stand also an jenem Morgen auf dem Waldweg, eingehüllt in meine Unschuld, und wurde von einem Hund moralisch entkleidet.

Es war peinlich.

Seitdem sehe ich die Sache etwas klarer. Die beiden Frauen haben mir ja gar nichts getan. Sie gehen ihren Weg, tragen ihre Kleider, führen ihre Gespräche und kümmern sich womöglich keinen Deut darum, ob sie in mein ästhetisches Weltbild passen. Wahrscheinlich sind sie, bei Licht betrachtet, freier als mancher korrekt durchs Leben schreitende Normbürger, der tadellos wirkt und dabei ziemlich eng denkt.

Der Hund liebt sie. Das genügt ihm. Und vielleicht hat er damit eine Weisheit begriffen, für die wir Menschen mehrere dicke Bücher, zwei Vorträge und eine Selbstfindungsreise brauchen: Wer liebt, verteidigt. Wer herabblickt, verrät sich.

Ich bin nun gespannt, wie unsere nächsten Begegnungen verlaufen. Vielleicht gehe ich künftig an ihnen vorbei, ohne innerlich die Augenbraue zu heben. Vielleicht grüsse ich sie einfach, wie man Menschen grüsst, denen man weder etwas beweisen noch heimlich ankreiden will. Vielleicht merkt der Hund es.

Und sollte er eines Morgens auf das Knurren verzichten, dann werde ich wissen, dass ich auf dem schmalen Waldweg eine kleine Lektion gelernt habe.

Es wäre ausgesprochen schön.

 

1 Kommentar

  1. Beatrice Hefti Buergin

    So wahr. Hunde sind sehr sensible Wesen. Das erlebe ich bei unserer Hündin jeden Tag. Ich mache mit ihr Mantrailing und ich bin mir nicht ganz sicher, ob sie einen Hundehasser wirklich suchen geht?

Über

Ein älterer Mann mit grauem Haar und Brille sitzt in einem Holzstuhl, trägt einen dunklen Pullover, hält ein aufgeschlagenes Buch in der Hand und blickt von den Seiten auf. Der Hintergrund ist eine schlichte, helle Wand.

Ich bin Hanspeter Gautschin, Erzähler und Autor von BodeständiX – Geschichten, die bleiben.

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