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In roter Schrift steht "BodeständiX" über dem schwarzen Text "Der Autorenblog von Hanspeter Gautschin" auf weißem Hintergrund.
Alles Wahre ist einfach
Ein glatter, heller Stein liegt im ruhigen Wasser, umgeben von sanften Wellen und Spiegelungen von grünen Blättern und Sonnenlicht. Die Szene ist friedlich und heiter.

 

Wenn das Leben sich wieder einmal verwirrt in seinen eigenen Fäden, greife ich zu einem, der die Dinge auf das Wesentliche zurückführte.
Karl Heinrich Waggerl hiess er, ein Mann von Berg und Wort.
Er schrieb: «Alles Wahre ist einfach.»

Es ist ein Satz wie frisches Wasser – klar, kühl und wohltuend.
Er klingt nicht laut, nicht gelehrt.
Er steht da wie ein Stein im Fluss: unbewegt, während alles ringsum weiterrauscht.

Als Kind träumte ich vom Emmental.
Wir hatten kein Auto, also fuhren wir mit dem Zug.
Ich sass am Fenster, die Stirn an der kühlen Scheibe,
und sah hinaus in ein Land, das mir jedes Mal vertrauter wurde.
Die Hügel lagen still und rund da,
als hätten sie seit Anbeginn der Zeit nichts anderes getan,
als Frieden zu halten mit sich selbst.

Ich sah die grossen Dächer, unter denen das Leben schützend geborgen war,
roch Heu, Holzrauch und Erde.
Und ich wusste: Hier ist etwas, das bleibt, auch wenn alles andere vergeht.

In jenen Jahren las ich die Bücher von Elisabeth Müller.
Die Sechs Kummerbuben waren mir vertrauter als die Nachbarskinder.
Und das Emmental wurde in meiner Vorstellung zu einem Land,
in dem die Dinge ihren einfachen Sinn behalten hatten.

Nur der Käse, der berühmte, wollte mir nie recht schmecken.
Der Emmentaler war damals der Käse der einfachen Leute,
und vielleicht war ich als Bub ein wenig eitel.
Ich meinte, der Tilsiter gehöre zu den «Besseren» –
und griff lieber nach dem, was feiner schien.
So sind Kinder: Sie ahnen früh,
dass die Welt Unterschiede macht,
auch wenn sie deren Sinn noch nicht verstehen.

Heute lächle ich darüber.
Denn am Ende zählt nicht, was vornehm scheint,
sondern was echt ist –
und das war, wie ich später begriff,
wohl immer der Emmentaler.

Später durfte ich dort leben, über zwanzig Jahre lang.
Und noch heute geht die Landschaft mit mir –
nicht als Bild, sondern als Haltung.

Es ist ein stilles Land, das sich nicht aufdrängt.
Die Menschen dort reden wenig, und wenn sie reden, dann meist das Notwendige.
Auch in der Musik ist es so.
Die Musik des Emmentals hat nichts Grosses im Sinn.
Sie will niemanden beeindrucken – sie will begleiten.

Ihr Ton kommt vom Langnauerli, jener kleinen Handharmonika,
die um 1836 in Langnau zum ersten Mal gebaut wurde.
Man nannte sie damals Härpfli oder Harfe
Namen, die an jene frühen, atmenden Instrumente erinnerten,
bei denen das Metall sang, wenn Luft es berührte.

Ich habe einmal eine nachgestellte Werkstatt gesehen.
Da standen die alten Bänke, das Werkzeug, der Geruch von Leder, Metall und Holz.
Es war, als hielte die Zeit den Atem an.
Hier wurde mit Händen gearbeitet, nicht für den Ruhm,
sondern für das Gelingen.
Und das ist vielleicht schon alles,
was ein Mensch vom Leben verlangen darf.

Einmal hörte ich Thomas Aeschbacher spielen,
einen Meister auf dem Langnauerli.
Er sass da, ruhig im Wesen, das Gesicht gelassen,
und seine Finger huschten leicht und sicher über die Melodieknöpfe,
als wüssten sie längst, wohin sie gehörten.

Aus dieser Schlichtheit kam ein Klang,
hell und warm zugleich,
lebendig und doch von innerer Ruhe getragen.
Das Langnauerli atmete unter seinen Händen,
und das Lied schien nicht gespielt, sondern geboren zu werden –
aus der Luft, aus dem Augenblick, aus Stille.

Da verstand ich:
Das Einfache ist nicht das Leichte.
Es braucht Herz, Geduld und Stille,
um das Wesentliche hervorzubringen.

Wahre Volksmusik ist wie ein Gespräch unter alten Freunden.
Sie braucht keine langen Erklärungen.
Ein paar Töne genügen – und man weiss, was gemeint ist.
So ist es mit allem, was wahr ist.

«Alles Wahre ist einfach.»
Vielleicht ist das der schwerste Satz überhaupt.
Denn wir Menschen suchen das Grosse, das Laute, das Auffällige.

Das Wahre bleibt,
wenn alles Überflüssige gefallen ist –
wie die Figur im Stein,
die schon da war,
bevor der Meissel sie befreite.

Und wer das versteht,
der weiss, was Waggerl gemeint hat.

 

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Über

Ein älterer Mann mit grauem Haar und Brille sitzt in einem Holzstuhl, trägt einen dunklen Pullover, hält ein aufgeschlagenes Buch in der Hand und blickt von den Seiten auf. Der Hintergrund ist eine schlichte, helle Wand.

Ich bin Hanspeter Gautschin, Erzähler und Autor von BodeständiX – Geschichten, die bleiben.

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