Liedertswil ist klein. Und Liedertswil war schon klein, als dort vor mehr als vierhundert Jahren Heini Müller und seine Frau Verena Müller-Rohrer lebten.
Tschoppenhof nennt man den Ort bis heute.
Um 1600 bekam dieser Tschoppenhof Besuch von einer Geschichte, die weit über das kleine Dorf hinausreichte. Es ging um Glauben, Gehorsam und darum, wie viel ein Mensch bereit war auszuhalten, wenn die Obrigkeit verlangte, er solle seine Überzeugung aufgeben.
Heini und Verena gehörten zu den Täufern.
Als die Täufer ins Baselbiet kamen
Schon 1525 gab es in Basel eine täuferische Gemeinde. Das war vier Jahre vor dem Durchbruch der Reformation in der Stadt. Nach 1529 setzte eine gezielte Verfolgung ein. Täufer wurden verhaftet, ausgewiesen und in einzelnen Fällen hingerichtet. Viele zogen sich in ländliche Gegenden zurück. Im Baselbiet entstanden neue Zentren, unter anderem in Thürnen, Rothenfluh, Buus, Maisprach und Tecknau.
Was machte diese Leute so gefährlich?
Aus heutiger Sicht zunächst wenig.
Sie wollten, dass ein Mensch selbst entscheidet, ob er sich taufen lässt. Die Taufe eines Säuglings lehnten sie ab. Zur Gemeinde sollte gehören, wer sich bewusst zum Glauben bekannte.
Das hatte Folgen.
Kirche und Obrigkeit waren damals eng miteinander verbunden. Wer sich der vorgeschriebenen Kirche entzog, stellte damit auch die bestehende Ordnung infrage. Dazu kamen weitere Überzeugungen, die den Behörden missfielen. Täufer verweigerten häufig den Eid und den Kriegsdienst. Ihre Gemeinden wollten sie unabhängig von der staatlichen Kirche führen.
Der Ausdruck «Wiedertäufer» stammte von ihren Gegnern. Er war abwertend gemeint. Die Täufer selbst sahen ihre Glaubenstaufe nicht als zweite Taufe an. Für sie hatte die Kindertaufe keine Gültigkeit.
Im Amt Waldenburg war angeblich alles in Ordnung
Der Waldenburger Landvogt konnte lange nach Basel melden, in seinem Amt gebe es keine Wiedertäufer.
Das änderte sich gegen Ende des 16. Jahrhunderts.
Auf dem Tschoppenhof stiess die Obrigkeit auf Heini Müller und Verena Müller-Rohrer.
Der damalige Landvogt hiess Erasmus Wurstisen.
1597 wurde Heini Müller verhaftet und ins Schloss Waldenburg gebracht. Dort sass er 46 Tage gefangen.
46 Tage sind schnell geschrieben.
Im Schloss eingesperrt, weg vom Hof, von der Arbeit, vom gewohnten Leben. Dazu Verhöre und die immer gleiche Forderung: Widerrufen.
Auch Verena wurde gefangen genommen. Ihre Haft dauerte zwölf Tage.
Damit war es nicht getan.
Ein Halseisen für Waldenburg
1598 liess Erasmus Wurstisen in Waldenburg einen «Stand zum Halseisen» errichten, vermutlich in der Nähe des unteren Tores.
Ein Pranger also.
Wer dort stand, sollte gesehen werden. Das war der Zweck. Eine Strafe vor den Augen der Leute aus dem Städtchen und aus den umliegenden Dörfern.
Das Halseisen wurde offenbar vor allem deshalb eingerichtet, weil die Täufer den Behörden zunehmend Arbeit machten.
1601 wurde Heini Müller aus Liedertswil hinunter ins Städtchen geführt und an dieses Halseisen gestellt.
Auch seine Frau musste an den Pranger.
Der Wasenmeister vollzog die Strafe. Er stellte die beiden an das Halseisen und schlug sie mit Ruten.
Seine Rechnung ist erhalten.
Ein Pfund und sieben Schilling erhielt er dafür.
Solche Einzelheiten erzählen manchmal mehr über eine Zeit als lange Abhandlungen. Die Strafe eines Menschen erscheint in der Rechnung als geleistete Arbeit.
Basel hatte die Schraube angezogen
Das Vorgehen gegen Heini und Verena war Teil einer verschärften Täuferpolitik.
1595 hatte die Basler Regierung eines ihrer härtesten Mandate gegen die Täufer erlassen. Wer an seinem Glauben festhielt, sollte ausgewiesen werden. Dazu konnte das Vermögen eingezogen werden. Für diese Zeit sind Gefangenschaft, Pranger und Halseisen, Auspeitschung, Ausweisung, Güterkonfiskation und Enterbung als Strafmittel belegt.
Auch die beiden Leute vom Tschoppenhof gerieten in dieses Verfahren.
Der «Täuferführer der Schweiz» erwähnt ausserdem, dass Heini und Verena Müller-Rohrer zu jenen Baselbieter Täufern gehörten, die in Basel im Bereich des Spalentors gefangen gehalten und verhört wurden. Das Spalentor war wiederholt Haftort für Täufer aus der Landschaft.
Der Weg der beiden führte also vom Tschoppenhof nach Waldenburg und bis nach Basel.
Heini widerrief
Irgendwann gab Heini Müller nach.
In den Überlieferungen heisst es, er sei zum Widerruf «erweicht» worden.
Das Wort gefällt der Obrigkeit.
46 Tage Haft klingen weniger weich.
Dazu kamen der Pranger, die Rutenstrafe und weitere Verhöre.
Wie lange Heini an seinem Glauben festhielt und wann genau er widerrief, lässt sich aus den vorliegenden Angaben nicht herauslesen. Auch seine Gründe kennen wir nicht.
Über einen Mann zu urteilen, der nach solcher Behandlung nachgab, wäre einfach.
Zu einfach.
Verena widerrief nicht
Bei Verena verlief die Sache anders.
Sie blieb bei ihrem Glauben.
Das ist fast alles, was wir über sie wissen.
Kein Geburtsjahr. Kein Brief. Kein Porträt. Keine Aufzeichnung darüber, was sie dachte.
Bekannt ist, dass sie mit Heini Müller auf dem Tschoppenhof lebte, dass sie den Täufern angehörte, zwölf Tage gefangen gehalten wurde, am Halseisen stand und mit Ruten geschlagen wurde.
Und dass sie nicht widerrief.
Frauen hatten innerhalb der Täuferbewegung im Baselbiet durchaus Einfluss. Der «Täuferführer der Schweiz» nennt etwa Veronica Salathe aus Seltisberg, die im frühen 17. Jahrhundert eine wichtige Rolle bei der Verbreitung des Täufertums spielte.
Verena Müller-Rohrer hinterliess keine solche Spur.
Von ihr blieb dieser eine Vorgang erhalten.
Eine Rechnung und ein paar Akten
Von Heini und Verena Müller-Rohrer ist wenig überliefert.
Wir kennen Haftzeiten.
Wir kennen die Strafe.
Wir kennen den Namen des Landvogts.
Wir wissen sogar, wie viel der Wasenmeister für seine Arbeit erhielt.
Was aus dem Ehepaar später wurde, sagen die bisher bekannten Angaben nicht.
Die Akten interessierten sich vor allem dafür, ob jemand widerrief, wie lange er gefangen sass und was eine Strafe kostete.
Heini widerrief.
Verena blieb bei ihrem Glauben.
Und damit ist ausgerechnet von der Frau, über deren Leben wir fast nichts wissen, die deutlichste Nachricht erhalten geblieben.







Das waren harte Zeiten!! Das normale Volk hatte nichts zu sagen. Steuern zahlen um die Vögte reich zu machen und sonst einfach den Mund halten.