Als ich zur Schule ging, stand vorne eine grosse schwarze Wandtafel. Daneben hing ein Schwamm, der am Morgen noch feucht war und gegen Mittag einen eigentümlichen Geruch verbreitete. Der Lehrer schrieb mit Kreide, wir schrieben mit Bleistift oder Füllfeder ab. Wenn jemand beim kleinen Einmaleins ins Stocken geriet, wurde weitergeübt. So lange, bis es sass.
Diese Schule war gewiss kein Paradies. Manche Lehrer waren streng, einige ungerecht, einzelne pädagogisch ungefähr so begabt wie ein Briefkasten. Es gab Kinder, die übersehen wurden. Andere litten unter der Starrheit des Systems. Wer aus irgendeinem Grund nicht mithalten konnte, hatte es schwer.
Trotzdem wussten damals alle, wozu die Schule da war. Kinder sollten lesen, schreiben und rechnen lernen. Sie sollten erfahren, wo der Rhein entspringt, weshalb es Jahreszeiten gibt und wer Jeremias Gotthelf war. Dazu kamen Anstand, Pünktlichkeit und die leidige Pflicht, die Turnsachen am richtigen Tag mitzubringen.
Heute besitzt kaum noch ein Schulzimmer eine schwarze Wandtafel. Dafür gibt es Lernlandschaften, Kompetenzraster, Wochenpläne, digitale Plattformen, Standortgespräche, Förderkonzepte, Beurteilungsberichte und reichlich pädagogisches Vokabular. Die Kinder arbeiten selbstorganisiert, die Lehrperson begleitet den Lernprozess und aus einer falschen Rechnung wird eine wertvolle Lernerfahrung.
Manchmal fragt man sich bloss: Lernen die Kinder dabei auch noch rechnen?
Eine Reform jagt die nächste
Von einem Ruin der Schweizer Volksschule zu sprechen, wäre übertrieben. Unsere Jugendlichen erzielen im internationalen Vergleich weiterhin beachtliche Leistungen. Bei PISA 2022 lagen sie in Mathematik, Lesen und Naturwissenschaften über dem Durchschnitt der OECD-Länder. In Mathematik gehörte die Schweiz sogar zur Spitzengruppe.
Die Volksschule steht also noch. Ihr Dach ist gedeckt, die Fenster sind ganz und in den Schulzimmern wird jeden Tag ernsthaft gearbeitet. Doch im Gebälk knarrt es.
Darüber reden inzwischen auch viele Lehrpersonen. Sie tun es häufig erst dann, wenn kein Vorgesetzter in der Nähe steht. Die Formulare nehmen zu, die Klassen werden anspruchsvoller und die Erwartungen wachsen. Jede gesellschaftliche Schwierigkeit landet früher oder später im Schulzimmer. Ernährung, Bewegung, Sexualität, Medienkonsum, Mobbing, Klimaschutz, Integration, Gewaltprävention und seelische Gesundheit: Die Schule soll es richten.
Daneben soll sie den Kindern noch das Bruchrechnen beibringen.
Seit Jahrzehnten folgt eine Reform auf die nächste. Kaum hat sich eine Schule an neue Lehrmittel, Methoden und Beurteilungsformen gewöhnt, steht bereits der nächste Umbau bevor. Begriffe ändern sich, Konzepte werden eingeführt, Zuständigkeiten verschoben. Jede Neuerung verspricht eine Schule, die gerechter, moderner und kindgerechter sein soll.
Ob die Kinder danach besser lesen, schreiben und rechnen können, gerät dabei leicht aus dem Blick.
Der Lehrer wurde zum Coach
Besonders merkwürdig finde ich den Bedeutungswandel des Lehrerberufs. Früher war ein Lehrer jemand, der etwas wusste und dieses Wissen weitergab. Er erklärte, fragte ab, korrigierte und übte. Heute soll er vermehrt Lernbegleiter oder Coach sein.
Das klingt freundlich und zeitgemäss. Ein Coach steht am Rand, beobachtet den Prozess und gibt bei Bedarf einen Impuls. Das mag bei Erwachsenen funktionieren, die wissen, was sie lernen wollen. Bei einem achtjährigen Kind sieht die Sache anders aus.
Ein Kind weiss noch nicht, welche Grundlagen es später brauchen wird. Es kann schwer beurteilen, ob es die schriftliche Division genügend verstanden hat. Es entscheidet sich verständlicherweise lieber für eine Aufgabe, die Spass macht und rasch gelingt. Selbstorganisiertes Lernen verlangt Fähigkeiten, die bei Kindern erst entstehen müssen: Ausdauer, Zeitgefühl, Konzentration, Frustrationstoleranz und die Fähigkeit, sich selbst realistisch einzuschätzen.
Wer diese Fähigkeiten bereits von zu Hause mitbringt, kommt in einer Lernlandschaft oft gut zurecht. Andere verlieren den Faden. Sie sitzen vor ihrem Wochenplan, beginnen irgendwo, wechseln bald die Aufgabe und entwickeln erstaunliche Fertigkeiten darin, beschäftigt auszusehen.
Gerade diese Kinder brauchen eine Lehrerin oder einen Lehrer, der vorne steht, etwas verständlich erklärt und anschliessend hinschaut, ob es angekommen ist.
Das Üben bekam einen schlechten Ruf
Auch das Üben ist aus der Mode gekommen. Es gilt rasch als stumpfsinnig, überholt oder wenig kindgerecht. Dabei lernt kein Mensch das Klavierspielen, indem er über seine musikalischen Kompetenzen nachdenkt. Er spielt Tonleitern. Ein Schreinerlehrling wird kaum zum Handwerker, weil er seine Fortschritte mit farbigen Punkten einordnet. Er arbeitet mit Holz, macht Fehler, hört dem Meister zu und versucht es noch einmal.
Lesen, Schreiben und Rechnen entstehen auf ähnliche Weise. Man lernt sie durch Wiederholung. Buchstaben müssen sich einprägen. Zahlenreihen müssen vertraut werden. Wörter wollen geschrieben, verbessert und erneut geschrieben sein.
Natürlich darf Lernen Freude machen. Eine gute Lehrerin kann eine ganze Klasse für ein Gedicht, das Leben in einem Bienenstock oder die Geschichte der Römer begeistern. Doch Freude stellt sich oft erst ein, wenn man etwas kann. Wer bei jedem zweiten Wort stockt, liest selten gern. Wer bei jeder einfachen Multiplikation mühsam an den Fingern abzählen muss, verliert rasch die Freude am Rechnen.
Wir haben das Üben verdächtig gemacht und wundern uns nun, wenn Grundlagen fehlen.
Die Schule trägt zu viele Rucksäcke
Dabei kann man den Lehrpersonen kaum einen Vorwurf machen. Viele von ihnen leisten unter schwierigen Bedingungen hervorragende Arbeit. Sie sitzen abends zu Hause, bereiten Lektionen vor, schreiben Berichte und beantworten E-Mails besorgter Eltern. Sie kümmern sich um Kinder, die kaum Deutsch verstehen, um hochbegabte Kinder, um Kinder mit Lernschwierigkeiten und um jene, die während einer Lektion mehr Aufmerksamkeit beanspruchen als früher eine ganze Klasse.
Die Idee, möglichst alle Kinder gemeinsam zu unterrichten, ist menschlich und verständlich. In der Praxis stösst sie an Grenzen. Eine einzelne Lehrperson kann kaum gleichzeitig fünf Leistungsstufen bedienen, soziale Konflikte lösen, individuelle Förderziele verfolgen und eine ruhige Lernatmosphäre erhalten.
Darauf antwortet das System mit weiteren Fachpersonen, Sitzungen und Konzepten. Heilpädagoginnen, Schulsozialarbeiter, Assistenzen, Therapeutinnen und Beratungsstellen leisten wertvolle Arbeit. Mit jeder zusätzlichen Zuständigkeit wächst auch der Aufwand für Absprachen und Dokumentation. Bald sitzen mehr Erwachsene an einem runden Tisch, als das betroffene Kind Lebensjahre zählt.
Die Schule wird immer komplizierter. Ob die Kinder dadurch besser lernen, bleibt erstaunlich oft offen.
Wenn Eltern wählen könnten
In solchen Situationen taucht regelmässig die Forderung nach mehr Wettbewerb auf. Eltern sollen frei entscheiden können, welche Schule ihr Kind besucht. Das Geld, das der Staat für dessen Ausbildung ausgibt, würde dem Kind folgen. Die gewählte Schule erhielte den entsprechenden Betrag.
Die Idee der Bildungsgutscheine hat ihren Reiz. Heute können sich vor allem wohlhabende Eltern der öffentlichen Schule entziehen. Sie bezahlen eine Privatschule oder ziehen in eine Gemeinde, deren Schulen einen guten Ruf geniessen. Ein Bildungsgutschein könnte diese Wahl auch Familien ermöglichen, die über weniger Geld verfügen.
Schulen erhielten mehr Freiheit, eigene pädagogische Wege zu gehen. Eine Schule könnte auf klassische Wissensvermittlung setzen, eine andere auf Musik, Handwerk oder Naturwissenschaften. Eltern würden sehen, welche Schulen ihre Aufgabe gut erfüllen. Erfolgreiche Modelle könnten Nachahmer finden.
Wettbewerb allein sorgt allerdings noch nicht für gute Bildung. Schulen könnten beginnen, um pflegeleichte und leistungsstarke Kinder zu werben. Eltern mit guter Ausbildung würden die Angebote vergleichen, Informationsabende besuchen und rechtzeitig die Anmeldeformulare ausfüllen. Familien, die schon heute Mühe haben, sich im Bildungssystem zurechtzufinden, blieben zurück.
Auch die Dorfschule hätte ein Problem. Wenn ein Teil der Eltern ihre Kinder anderswohin schickt, sinken ihre Einnahmen. Weniger Geld bedeutet kleinere Angebote, grössere Klassen oder die Schliessung. Am Ende fahren sämtliche Kinder mit dem Bus in verschiedene Richtungen, während das Schulhaus im Dorf leer steht.
Eine Volksschule erfüllt zudem eine Aufgabe, die sich schwer in Prüfungsresultaten ausdrücken lässt. In ihr begegnen sich Kinder aus Familien, die sonst kaum miteinander zu tun hätten. Der Sohn des Schreiners sitzt neben der Tochter der Ärztin. Das Kind aus der alteingesessenen Familie teilt die Schulbank mit einem Kind, dessen Eltern erst vor wenigen Jahren in die Schweiz gekommen sind. Das klappt keineswegs immer reibungslos. Gerade deshalb ist es wertvoll.
Was hat eigentlich funktioniert?
Bevor wir die nächste grosse Reform ausrufen, könnten wir uns eine einfache Frage stellen: Was hat sich bewährt?
Kinder brauchen Lehrpersonen, die ihr Fach beherrschen und verständlich erklären können. Sie brauchen klare Regeln, verlässliche Strukturen und genügend Zeit zum Üben. Sie brauchen Rückmeldungen, mit denen sie etwas anfangen können. Eine falsch gelöste Rechnung wird durch einen grünen Punkt im Kompetenzraster nicht richtiger.
Auch Lehrerinnen und Lehrer brauchen wieder mehr Vertrauen. Wer jeden Schritt dokumentieren, begründen und auswerten muss, verliert Zeit und Freude am Beruf. Ein guter Unterricht entsteht kaum in Sitzungsprotokollen. Er entsteht im Schulzimmer, in der Begegnung zwischen einem Erwachsenen und einer Klasse.
Pestalozzi sprach von Kopf, Herz und Hand. Heute würde vermutlich ein umfangreiches Kompetenzmodell daraus entstehen, samt Begleitordner, Einführungskurs und digitalem Auswertungsinstrument. Pestalozzis drei Wörter reichten aus.
Vielleicht – dieses eine Vielleicht sei erlaubt – fehlt unserer Schule weniger eine weitere Neuerung als der Mut, mit den Neuerungen aufzuhören.
Man könnte den Lehrpersonen ein paar Jahre Ruhe gönnen. Man könnte Lehrmittel länger verwenden, Methoden nüchtern prüfen und gescheiterte Versuche wieder beenden. Man könnte das Lesen, Schreiben und Rechnen ins Zentrum rücken, ohne sich dafür zu entschuldigen. Und man könnte Kindern wieder zumuten, dass Lernen gelegentlich anstrengend ist.
Die Volksschule ist zu wichtig, um sie jeder pädagogischen Mode auszuliefern. Sie braucht keine Heilslehre, weder von links noch von rechts. Auch der Markt wird sie nicht im Alleingang retten.
Was sie braucht, ist Boden unter den Füssen.







Hallo Hanspeter. Ein fantastischer Bericht. Du hast den Nagel auf den Kopf getroffen. Ich habe in meiner Zeit als Lehrer (43 Jahre) in Waldenburg und auch Liestal erfahren was es braucht um all den Kindern auch mit verschiedenen Niveaus gerecht zu werden. Sie brauchen eine Person welche sie so nimmt wie sie sind mit allen Stärken aber auch Schwächen. Sie sollen gefördert aber nicht überfordert werden! Wenn ich heute aus Distanz all die neuen Lernmethoden betrachte frage ich mich immer wieder wo führt das Ganze noch hin? Ich erfahre auch immer wieder dass viele junge Lehrer von all diesen Neuerungen überfordert sind. So ist es auch verständlich dass keine Lehrperson noch ein Pensum von 100% bewältigt. Viele sind schon nach kurzer Zeit ausgebrannt. Doch es gibt ja dann die tolle Lösung verschiedene Spezialisten in den Schulalltag einzubauen!!! Nützt auch das nicht gibt es ja dann noch den Schulpsychologen! Schauen wir doch einfach was uns die Zukunft noch bringen wird!
Lieber Fritz
Herzlichen Dank für deinen ausführlichen Kommentar. Gerade deine Erfahrungen aus 43 Jahren als Lehrer in Waldenburg und Liestal geben deinen Worten besonderes Gewicht.
Dein Satz, dass Kinder eine Person brauchen, die sie mit ihren Stärken und Schwächen annimmt, trifft für mich den Kern guter Schule. Fördern, ohne zu überfordern – und dabei jedes Kind als Menschen wahrnehmen. Dazu braucht es gute Lehrerinnen und Lehrer, Zeit und eine tragfähige Beziehung.
Auch deine Beobachtung zur zunehmenden Überforderung vieler Lehrpersonen stimmt nachdenklich. Immer neue Methoden, Konzepte, Fachstellen und Spezialisten sollen Probleme lösen. Dabei gerät manchmal aus dem Blick, worauf Schule letztlich beruht: auf einer Lehrperson, die ihr Fach beherrscht, eine Klasse führen kann und den Kindern etwas zutraut.
Danke, Fritz, dass du deine langjährige Erfahrung hier eingebracht hast. Solche Stimmen aus der Praxis sind heute besonders wertvoll.