Auf dem Schreibtisch liegt ein Brief, der seit Tagen beantwortet werden sollte. Eigentlich wäre die Sache in einer Viertelstunde erledigt. Man müsste sich hinsetzen, drei vernünftige Sätze schreiben und den Brief abschicken.
Doch zuerst braucht es einen Kaffee.
Während das Wasser heiss wird, fällt auf, dass die Kaffeemaschine wieder einmal entkalkt werden müsste. Das kann unmöglich länger warten. Danach wird die Schublade mit den Kaffeelöffeln aufgeräumt, weil sich dort im Laufe der Jahre Dinge angesammelt haben, die mit Kaffee wenig zu tun haben: zwei Gummibänder, ein abgelaufener Gutschein und ein Schlüssel, dessen Herkunft niemand mehr kennt.
Nach dieser Aufräumaktion wäre man bereit für den Brief. Allerdings ist inzwischen Mittag geworden.
Am Nachmittag klingelt das Telefon. Später muss noch etwas eingekauft werden. Gegen Abend liegt der Brief weiterhin auf dem Schreibtisch. Die Kaffeemaschine glänzt dafür wie neu.
Wer jetzt «Faulheit» ruft, hat den Fall schlecht beobachtet. Der Mensch war den ganzen Tag tätig. Er hat bloss mit erstaunlicher Ausdauer das Falsche getan.
Wir tun plötzlich Dinge, die uns sonst lästig sind
Das Aufschieben besitzt eine besondere Kraft. Es macht Arbeiten verlockend, vor denen wir uns gewöhnlich selber drücken.
Die Fenster müssten geputzt werden? Unangenehm. Doch sobald die Steuererklärung wartet, erhalten schmutzige Fenster eine ungeheure Dringlichkeit. Der Keller ist seit Jahren ein Durcheinander? Macht nichts. Liegt jedoch ein schwieriges Telefongespräch an, beginnt man mit Begeisterung alte Kartons zu sortieren.
Plötzlich wird der Mensch zum Muster an Fleiss. Er schraubt, wischt, ordnet und entsorgt. Nur an jene Aufgabe, die ihn drückt, rührt er nicht.
Das hat seinen Grund. Meist weichen wir weniger der Arbeit als dem Gefühl aus, das sie in uns hervorruft.
Eine Aufgabe kann langweilig sein. Sie kann uns überfordern oder an einen Streit erinnern. Manchmal wissen wir nicht, wie wir anfangen sollen. Und gelegentlich fürchten wir, das Ergebnis könnte hinter unseren Erwartungen zurückbleiben.
Also suchen wir uns etwas, das leichter zu bewältigen ist. Eine aufgeräumte Schublade schenkt rasch das gute Gefühl, etwas geleistet zu haben. Ein schwieriger Brief bietet diese Gewissheit erst, wenn er geschrieben ist. Bis dahin lauern darin Formulierungen, Missverständnisse und die Möglichkeit, sich gründlich zu verheddern.
Morgen sind wir viel tüchtiger
Zum Glück gibt es das Morgen.
Morgen stehen wir früher auf. Morgen sind wir ausgeruht und voller Tatendrang. Morgen haben wir einen klaren Kopf, das Telefon bleibt ruhig, und niemand kommt auf die Idee, uns mit einer Nebensache zu belästigen.
Der Mensch, der morgen unsere Aufgaben erledigen soll, ist eine beneidenswerte Gestalt. Er kennt keine Müdigkeit, keine Ablenkung und keine Ausreden. Man kann ihm bedenkenlos alles aufladen, wozu man heute keine Lust hat.
Das Problem zeigt sich gewöhnlich am nächsten Morgen. Dann ist dieser tüchtige Mensch nirgends zu finden. Statt seiner stehen wieder wir selbst in der Küche und kochen Kaffee.
Forscher haben herausgefunden, dass unser Kopf den Aufwand einer zukünftigen Arbeit geringer einschätzt. Was heute schwer und mühsam wirkt, erscheint morgen erstaunlich leicht. Die Aufgabe hat sich über Nacht freilich nicht verändert. Nur ihre Entfernung war angenehm.
Darum klingt der Satz «Das mache ich morgen» so vernünftig. Er beendet fürs Erste die innere Diskussion. Man hat die Aufgabe keineswegs aufgegeben. Man hat ihr sogar einen festen Platz in der Zukunft zugewiesen. Dort darf sie liegen, bis die Zukunft zur Gegenwart wird.
Wenn der erste Satz gleich glänzen soll
Manche Menschen schieben auf, weil ihnen eine Arbeit gleichgültig ist. Andere tun es, weil sie ihnen besonders wichtig ist.
Wer hohe Ansprüche hat, beginnt oft schwerer. Ein Text soll von der ersten Zeile an überzeugen. Ein Gespräch soll genau den richtigen Ton treffen. Ein neues Vorhaben soll gut geplant, klug aufgebaut und gegen jedes mögliche Missgeschick abgesichert sein.
So sitzt man vor dem leeren Blatt und wartet auf einen ersten Satz, der klingt, als wäre er bereits der letzte Entwurf.
Leider entstehen gute Texte selten auf diese Weise. Die ersten Sätze sind häufig etwas ungelenk. Sie suchen noch nach ihrem Weg, stolpern über ein Wort und müssen später wieder gestrichen werden. Das ist für einen Perfektionisten schwer auszuhalten. Er möchte ein fertiges Möbelstück sehen, bevor er den ersten Span abgehobelt hat.
Also denkt er weiter nach. Er liest noch einen Artikel, prüft eine zusätzliche Möglichkeit und ordnet seine Unterlagen neu. Das sieht nach sorgfältiger Vorbereitung aus und kann sich über Tage hinziehen.
Solange die Arbeit nur im Kopf besteht, ist sie makellos. Auf dem Papier bekommt sie Flecken, schiefe Stellen und einen wackligen Fuss. Genau dort beginnt allerdings das Handwerk.
Die wundersame Kraft der letzten Stunde
Dann rückt der Abgabetermin näher.
Aus dem «Ich sollte langsam anfangen» wird ein «Heute wäre vermutlich klug». Wenig später steht fest: Jetzt muss es sein.
Und plötzlich geschieht das Wunder. Das Telefon wird stummgeschaltet. Der Kaffee bleibt kalt. Drei Stunden lang gibt es auf der Welt nur noch diese eine Aufgabe. Entscheidungen, die tagelang unmöglich schienen, fallen innerhalb weniger Minuten. Übertriebene Ansprüche werden über Bord geworfen. Der Mensch arbeitet.
Am Ende ist er erschöpft, erleichtert und oft erstaunlich zufrieden mit dem Ergebnis. Daraus zieht er einen naheliegenden Schluss: «Ich arbeite eben am besten unter Druck.»
Das kann sogar stimmen. Zeitdruck bringt manche Menschen in Fahrt. Er räumt mit den vielen Möglichkeiten auf und zwingt zu einer Entscheidung. Für Selbstkritik bleibt kaum Platz. Das Werk muss fertig werden, und fertig ist in diesem Augenblick wichtiger als vollkommen.
Allerdings hat diese Arbeitsweise ihren Preis. Die Tage davor waren kaum unbeschwert. Die Aufgabe sass ständig mit am Tisch. Sie begleitete den Spaziergang, störte den Feierabend und meldete sich zuverlässig kurz vor dem Einschlafen.
Aufgeschobene Arbeit verschwindet nicht. Sie wartet und beschäftigt währenddessen einen kleinen Teil unseres Kopfes. Darum kann man an einem freien Nachmittag müde werden, obwohl man scheinbar gar nichts getan hat.
Reifenlassen oder Davonlaufen?
Es gibt Aufgaben, die Zeit brauchen. Ein Gedanke kann im Hintergrund weiterarbeiten. Nach einer Pause sieht man Zusammenhänge, die einem vorher entgangen sind. Autoren kennen das gut: Stundenlang geht nichts vorwärts, und beim Kartoffelschälen fällt plötzlich der entscheidende Satz ein.
Das ist eine fruchtbare Pause. Innerlich bleibt man mit der Sache verbunden.
Beim gewöhnlichen Aufschieben fühlt es sich anders an. Da liegt etwas im Magen. Man wechselt die Tätigkeit, doch der Druck geht mit. Das schlechte Gewissen weiss immer, wo wir sind.
Der Unterschied lässt sich recht einfach erkennen: Nach einer echten Pause kehren wir klarer zur Arbeit zurück. Nach einer Flucht brauchen wir meist eine weitere Flucht.
Mit einer lächerlich kleinen Sache beginnen
Wer sich beim Aufschieben ertappt, muss daraus kein Charakterdrama machen. Die Frage «Was stimmt mit mir nicht?» führt selten an den Schreibtisch zurück.
Mehr bringt eine kleinere Frage: «Was genau macht mir an dieser Sache Mühe?»
Ist die Aufgabe zu gross? Dann braucht sie kleinere Stücke. Fehlt der Anfang? Dann genügt ein schlechter erster Satz. Macht ein Telefongespräch Angst? Dann kann man vorher zwei Stichworte aufschreiben. Scheint die Steuererklärung unüberwindbar? Heute kommen nur die Personalien dran.
Der Anfang darf so klein sein, dass er beinahe lächerlich wirkt. Fünf Minuten. Ein Absatz. Ein Anruf. Eine einzige Schublade – sofern diesmal wirklich die Schublade gemeint ist.
Oft verliert eine Aufgabe ihren Schrecken, sobald wir sie berühren. Vorher war sie ein dunkler Berg. Nach den ersten Minuten besteht sie aus einzelnen Handgriffen.
Und wenn der erste Versuch holpert, hat er trotzdem etwas Entscheidendes geschafft: Er ist vorhanden. Mit einem unbeholfenen Anfang lässt sich arbeiten. Ein leerer Bildschirm gibt wenig her.
Der Brief liegt noch immer auf dem Schreibtisch. Die Kaffeemaschine ist entkalkt, die Schublade aufgeräumt und der rätselhafte Schlüssel weiterhin rätselhaft.
Nun könnte man den Brief schreiben.
Oder zuerst einen Kaffee trinken.
Aber wirklich nur einen.







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