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In roter Schrift steht "BodeständiX" über dem schwarzen Text "Der Autorenblog von Hanspeter Gautschin" auf weißem Hintergrund.
Intelligenz stört den Betrieb
Eine einsame Person mit einem gelben Rucksack, die stille Intelligenz verkörpert, verlässt ein graues, überfülltes Büro-Labyrinth – vielleicht einen Betrieb voller endloser Routine – und betritt eine farbenfrohe, sonnendurchflutete Landschaft mit Bergen, Bäumen und Vögeln, die am Himmel fliegen.

Unsere Gesellschaft investiert gewaltige Summen in Bildung. Sie braucht Ingenieure, Informatiker, Ärzte, Juristen, Wissenschaftler und Fachleute aller Art. Sie braucht Menschen, die komplizierte Maschinen bedienen, Daten auswerten, Unternehmen führen und technische Probleme lösen können.

Menschen, die den ganzen Betrieb grundsätzlich hinterfragen, sind weniger gefragt.

Ein Mensch kann hochgebildet sein und sich trotzdem gehorsam in jede Ordnung einfügen. Er kann Prüfungen mit Bestnoten bestehen, sämtliche Fachbegriffe beherrschen und in seinem Beruf Ausserordentliches leisten. Sobald es um Fragen ausserhalb seines Spezialgebiets geht, übernimmt er womöglich die Meinung seiner Partei, seiner Zeitung, seines beruflichen Umfelds oder seiner digitalen Blase.

Bildung und eigenes Denken sind Verwandte. Zwillinge sind sie keine.

Die richtige Antwort

Schon in der Schule lernen wir, dass Fragen eine richtige Antwort haben. Der Lehrer stellt die Aufgabe, der Schüler liefert die Lösung. Je genauer sie den Erwartungen entspricht, desto besser fällt die Bewertung aus.

Dieses Verfahren ist bei Rechenaufgaben sinnvoll. Zwei und zwei ergeben vier, auch wenn ein besonders phantasievoller Schüler lieber fünf hätte. Schwieriger wird es bei geschichtlichen, gesellschaftlichen und menschlichen Fragen. Dort gibt es mehrere Blickwinkel. Eine Antwort kann klug begründet sein und dennoch offenbleiben.

Der Schulbetrieb liebt Eindeutigkeit. Sie lässt sich prüfen, benoten und in Tabellen eintragen. Eigenständiges Denken passt schlechter in ein Raster. Es macht Umstände. Ein Schüler, der das ganze Aufgabenblatt infrage stellt, bringt den Ablauf durcheinander. Einer, der erkennt, welche Antwort erwartet wird, hat es leichter.

So gewöhnen wir uns früh daran, Erwartungen zu lesen. Was will die Lehrerin hören? Welche Meinung gilt im Unterricht als fortschrittlich? Welche Formulierung bringt Punkte? Was sollte man lieber für sich behalten?

Später ändert sich die Kulisse. Das Spiel bleibt ähnlich.

Im Berufsleben fragen wir uns, was der Vorgesetzte erwartet. In Sitzungen spüren wir rasch, welche Meinung erwünscht ist. In Vereinen, Parteien und gesellschaftlichen Gruppen lernen wir, welche Themen Zustimmung bringen und welche das Gespräch mühsam machen.

Der Mensch besitzt ein feines Gespür für die Richtung, aus der der Wind weht. Oft hält er dieses Gespür für seine Überzeugung.

Der bequeme Gehorsam

Eigenständigkeit zeigt sich in der Fähigkeit, eine Sache zu prüfen und danach Ja oder Nein zu sagen. Manchmal führt das zur Zustimmung, manchmal zum Widerspruch.

Dazu braucht es einen wachen Verstand und eine gehörige Portion Mut.

Wer sich der Mehrheitsmeinung anschliesst, lebt bequemer. Er trägt sein Urteil gemeinsam mit vielen anderen. Stellt es sich später als falsch heraus, war man immerhin in guter Gesellschaft. Wer allein widerspricht, besitzt diesen Schutz nicht.

Menschen gehorchen selten aus mangelnder Intelligenz. Sie suchen Zugehörigkeit, Sicherheit und Entlastung. Eine klare Anweisung nimmt ihnen die Last der Entscheidung ab. Eine Gruppe vermittelt das Gefühl, auf der richtigen Seite zu stehen.

Selber denken heisst, mit Unsicherheit zu leben. Es heisst, die eigene Meinung immer wieder zu prüfen. Es heisst auch, sich irren zu können, ohne die Verantwortung einer Autorität zuzuschieben.

Diese Freiheit klingt grossartig. Im Alltag ist sie anstrengend.

Die sanfte Lenkung

Frühere Herrscher liessen ihre Befehle verkünden. Die Untertanen wussten wenigstens, wer etwas von ihnen verlangte. Die heutige Lenkung arbeitet feiner.

Eine Plattform zeigt uns, was zu unseren bisherigen Interessen passt. Eine Suchmaschine sortiert die Wirklichkeit vor. Ein Nachrichtendienst entscheidet, welche Meldung auf dem Bildschirm erscheint. Ein Algorithmus beobachtet, worauf wir reagieren, wie lange wir verweilen und welche Gefühle uns zum nächsten Klick treiben.

Wir erhalten laufend Vorschläge: Menschen, denen wir folgen könnten. Bücher, die uns gefallen dürften. Beiträge, die unsere Meinung bestätigen. Waren, die zu uns passen. Videos, die uns interessieren.

Nach einiger Zeit fühlt sich diese Auswahl wie die Welt an.

Was häufig erscheint, halten wir für wichtig. Was starke Gefühle auslöst, bleibt in Erinnerung. Was uns nie gezeigt wird, verliert seinen Platz in unserem Denken. Dazu braucht es keine Zensurbehörde und kein Propagandaministerium. Es genügt, die Aufmerksamkeit der Menschen zu ordnen.

Die moderne Beeinflussung befiehlt selten. Sie empfiehlt.

Gerade deshalb bemerken wir sie kaum. Ein Befehl weckt Widerstand. Eine Empfehlung schmeichelt uns. Sie scheint unsere Wünsche zu kennen und nimmt uns kleine Entscheidungen ab. Der Weg wird bequem, und mit jedem Schritt verlernen wir ein wenig, selber nach der Richtung zu suchen.

Die Intelligenz des Systems

Die grossen Plattformen liefern, worauf wir ansprechen. Der Algorithmus kennt weder Wahrheit noch Lüge, weder Anstand noch Würde. Er misst Reaktionen.

Empörung bringt Aufmerksamkeit. Angst hält die Menschen am Bildschirm. Ein komplizierter Zusammenhang verlangt Zeit, während eine einfache Behauptung in wenigen Sekunden verstanden und weitergereicht wird.

Das System hat gelernt, unsere Schwächen zu bedienen. Wir wiederum geniessen es, bedient zu werden.

So entsteht ein seltsamer Kreislauf. Die Menschen beklagen die Verflachung der öffentlichen Debatte und klicken gleichzeitig auf jene Beiträge, die sie am stärksten aufwühlen. Sie wünschen sich sorgfältigen Journalismus und erwarten, sämtliche Inhalte gratis zu erhalten. Sie fordern unabhängiges Denken und teilen Meldungen, deren Überschrift ihre bestehende Meinung bestätigt.

Niemand muss eine grosse Verschwörung organisieren. Der Betrieb läuft von selbst.

Wenn Klugheit dem Aufstieg dient

Auch ein kluger Mensch ist keineswegs automatisch frei, gerecht oder menschlich. Intelligenz kann der Wahrheit dienen. Sie kann ebenso geschickt eingesetzt werden, um Macht zu sichern, Menschen zu täuschen oder Verantwortung zu umgehen.

Die Geschichte kennt genügend gebildete Schreibtischtäter. Propaganda wurde selten von Dummköpfen erfunden. Überwachungssysteme entstehen durch hochqualifizierte Fachleute. Komplizierte Finanzkonstruktionen, undurchsichtige Verträge und manipulative Werbekampagnen verlangen beträchtliche geistige Fähigkeiten.

Der Betrieb fürchtet die Intelligenz erst dann, wenn sie sich mit Gewissen, Unabhängigkeit und Mut verbindet.

Eine Firma beschäftigt gerne kluge Menschen, solange sie die Gewinne steigern. Eine Partei schätzt scharfe Denker, solange sie die eigene Linie begründen. Eine Institution fördert Kreativität, solange deren Ergebnisse in den vorgesehenen Rahmen passen.

Unbequem wird der kluge Kopf, wenn er fragt, wem das Ganze dient.

Dann stört er den Betrieb.

Die Ordnung der Angepassten

Jede Gesellschaft ist auf ein gewisses Mass an Anpassung angewiesen. Der Verkehr würde zusammenbrechen, wenn jeder seine persönliche Auslegung der Strassenregeln pflegte. Eine Gemeinschaft braucht Absprachen, Verlässlichkeit und gemeinsame Regeln.

Gefährlich wird es dort, wo Anpassung zum höchsten Wert aufsteigt.

Dann gilt der reibungslose Ablauf mehr als die sinnvolle Frage. Die Sitzung soll pünktlich enden, der Bericht fristgerecht erscheinen, die Statistik stimmen und das Formular vollständig sein. Ob das Ergebnis dem Menschen dient, gerät aus dem Blick.

Bürokratien sind darin besonders begabt. Sie können einen offensichtlichen Unsinn vollkommen korrekt verwalten. Jeder Beteiligte erfüllt seine Aufgabe. Jeder hält sich an die Vorschrift. Am Ende trägt niemand Verantwortung für das Ganze.

Wer in einer solchen Ordnung fragt, weshalb eine Regel überhaupt besteht, macht sich unbeliebt. Er verzögert den Prozess. Er fordert Begründungen. Er bringt Unsicherheit in ein System, das vor allem durch Routine zusammengehalten wird.

Darum braucht es Menschen, die stören.

Aus Verantwortungsgefühl. Weil jede Ordnung dazu neigt, ihren ursprünglichen Zweck aus den Augen zu verlieren.

Denken braucht Zeit

Eigenständiges Denken scheitert heute oft an etwas sehr Einfachem: an der fehlenden Zeit.

Unser Alltag ist angefüllt mit Meldungen, Aufgaben, Terminen und Unterbrechungen. Kaum haben wir einen Gedanken begonnen, verlangt bereits das nächste Signal unsere Aufmerksamkeit. Wir reagieren, antworten, überfliegen und wischen weiter.

Denken verlangt eine andere Geschwindigkeit.

Ein Gedanke muss sich entfalten dürfen. Eine Behauptung braucht Prüfung. Ein Widerspruch darf eine Weile ungelöst bleiben. Manchmal müssen wir eine Meinung zurücknehmen, die uns jahrelang begleitet hat.

Dafür gibt es in der öffentlichen Debatte wenig Raum. Wer zögert, wirkt unsicher. Wer seine Auffassung ändert, gilt als wankelmütig. Wer auf eine schwierige Frage mit «Ich weiss es noch nicht» antwortet, verliert gegen denjenigen, der sofort eine einfache Lösung präsentiert.

So gewinnt oft der Schnellste über den Gründlichsten.

Das ist für den Betrieb praktisch. Nachdenkliche Menschen treffen ihre Entscheidungen langsamer. Sie lesen das Kleingedruckte. Sie stellen Rückfragen. Sie lassen sich von einem Schlagwort weniger leicht fortreissen.

Für eine lebendige Gesellschaft wären gerade solche Menschen wertvoll.

Das eigene Urteil

Der entscheidende Gegensatz verläuft zwischen jenen, die ihr Urteil abgeben, und jenen, die bereit sind, es selber zu tragen.

Man kann sein Urteil an eine Partei abgeben, an einen Experten, an eine religiöse Autorität, an eine Gruppe oder an einen Algorithmus. Man kann zuhören, prüfen und Verantwortung übernehmen.

Auch der eigenständig denkende Mensch kann sich irren. Er kann einer Mode folgen, einer Täuschung erliegen oder einer Autorität zu viel Vertrauen schenken. Eigenständigkeit ist kein Zustand, den man ein für alle Mal erreicht. Sie muss immer neu geübt werden.

Die Frage lautet daher weniger, ob wir intelligent genug sind.

Entscheidend ist, ob wir den Mut aufbringen, von unserer Intelligenz Gebrauch zu machen.

Der Betrieb wird uns dafür selten danken.

 

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Über

Ein älterer Mann mit grauem Haar und Brille sitzt in einem Holzstuhl, trägt einen dunklen Pullover, hält ein aufgeschlagenes Buch in der Hand und blickt von den Seiten auf. Der Hintergrund ist eine schlichte, helle Wand.

Ich bin Hanspeter Gautschin, Erzähler und Autor von BodeständiX – Geschichten, die bleiben.

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