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In roter Schrift steht "BodeständiX" über dem schwarzen Text "Der Autorenblog von Hanspeter Gautschin" auf weißem Hintergrund.
Warum Pech manchmal das bessere Glück ist
Ein besorgter Mann mit Rasierwunden sitzt in einem Restaurant und beklagt sein Pech, während er sich mit einem anderen Mann unterhält. Im Hintergrund treten zwei Männer in Mänteln auf eine regnerische, von Straßenlaternen beleuchtete Straße hinaus. Ein blutbeflecktes Rasiermesser liegt auf dem Tisch – eine eindringliche Erinnerung daran, dass manchmal sogar die Aussicht auf besseres Glück entschwindet.

Das Leben besitzt einen eigenartigen Humor. Es kündigt seine Pointen nie an. Im Gegenteil. Es tarnt sie sorgfältig als Missgeschick.

Vor vielen Jahren erhielt ein junger Bankangestellter einen Anruf, der sein Leben verändern konnte.

Ein Freund hatte den Kontakt zu einem französischen Bankier hergestellt, der in der Schweiz eine Privatbank gründen wollte. Er suche einen tüchtigen Mitarbeiter, erklärte der Freund. Man solle sich noch am gleichen Abend treffen. Wenn alles gut gehe, winke ihm eine Stelle als Prokurist. Für einen jungen Mann war das ein Karrieresprung.

Er raste nach Hause.

Ein frisches Hemd lag bereit. Die Krawatte war rasch gebunden. Nur rasieren wollte er sich noch schnell.

Das war sein Plan.

Die Rasierklinge hatte einen anderen.

Sie hinterliess einen winzigen Schnitt an der Wange.

Eigentlich nichts Besonderes.

Doch kleine Rasierverletzungen besitzen ein erstaunliches Gespür für den ungünstigsten Zeitpunkt. Sie bluten nie an einem verregneten Sonntagnachmittag. Immer nur dann, wenn das Schicksal bereits ungeduldig auf die Uhr schaut.

Das Blut tropfte auf den frisch gebügelten Hemdkragen.

Also nochmals ins Schlafzimmer.

Ein neues Hemd.

Noch einmal alle Knöpfe schliessen.

Noch einmal die Krawatte binden.

Als der junge Mann endlich im Restaurant eintraf, war der Tisch leer.

Der Freund war fort.

Der Bankier ebenfalls.

Der Kellner zuckte entschuldigend mit den Schultern.

«Die Herren konnten nicht länger warten.»

Am nächsten Morgen rief der junge Mann seinen Freund an.

Dieser sagte nur:

«Es tut mir leid. Er beschäftigt grundsätzlich keine Menschen, die zu spät kommen.»

Damit war die grosse Chance vorbei.

Wochenlang ärgerte sich der junge Bankangestellte über diesen lächerlichen Schnitt im Gesicht. Wann immer später etwas misslang, sagte er halb lachend:

«Pech muss der Mensch haben.»

Fünfzehn Jahre vergingen.

Er blieb bei seiner Bank. Arbeitete zuverlässig. Beschwerte sich selten. Und eines Tages wurde er zum Generaldirektor gerufen.

Der Chef bat ihn, Platz zu nehmen.

«Ich darf Ihnen mitteilen, dass Sie zum neuen Vizedirektor gewählt werden.»

Vor lauter Überraschung rutschte ihm sein alter Spruch heraus.

«Pech muss der Mensch haben.»

Der Generaldirektor blickte ihn verwundert an.

«Wie bitte?»

Verlegen entschuldigte sich der Bankangestellte und erzählte die Geschichte mit der Rasierklinge, dem blutigen Hemdkragen und den zwanzig Minuten Verspätung.

Der Generaldirektor hörte aufmerksam zu.

Als die Erzählung zu Ende war, lächelte er.

«Dann hatten Sie damals tatsächlich Pech. Sonst wären Sie heute vermutlich Direktor jener neuen Bank.»

Der Bankangestellte schüttelte den Kopf.

«Gerade das nicht.»

Er erzählte weiter.

Die vielversprechende Privatbank war wenige Jahre später Konkurs gegangen. Gegen ihren Gründer wurde wegen Betrugs ermittelt. Sein Freund entging nur knapp einer Verurteilung.

Im Büro wurde es still.

Der Generaldirektor stand auf, reichte seinem neuen Vizedirektor die Hand und sagte:

«Dann gratuliere ich Ihnen gleich doppelt.»

Als der Bankangestellte später nach Hause ging, strich er unwillkürlich mit den Fingern über jene Stelle an der Wange, an der ihn die Rasierklinge vor fünfzehn Jahren erwischt hatte.

Die kleine Narbe war längst verschwunden.

Die Erinnerung nicht.

Vielleicht, dachte er, ist das Leben ein schlechter Erzähler.

Es verrät uns nie, ob wir uns gerade mitten in einem Unglück befinden.

Oder am Anfang eines Glücks.

 

 

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Über

Ein älterer Mann mit grauem Haar und Brille sitzt in einem Holzstuhl, trägt einen dunklen Pullover, hält ein aufgeschlagenes Buch in der Hand und blickt von den Seiten auf. Der Hintergrund ist eine schlichte, helle Wand.

Ich bin Hanspeter Gautschin, Erzähler und Autor von BodeständiX – Geschichten, die bleiben.

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