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Christoph Rolle – der General ohne Uniform
Eine chaotische Schlachtfeldszene von Christoph Rolle zeigt Soldaten in Uniformen aus dem 19. Jahrhundert, die mit Schwertern und Gewehren kämpfen, ein gestürztes Pferd und verwundete Männer am Boden, während Rauch in der Luft liegt.

Wer sich mit der Entstehung des Kantons Basel-Landschaft befasst, stösst unweigerlich auf eine kleine Gruppe von Persönlichkeiten, die in den entscheidenden Jahren zwischen 1830 und 1870 immer wieder auftauchen. Christoph Rolle gehört dazu. Sein Name steht für eine Phase, in der Politik im Baselbiet kein Verwaltungsakt war, sondern Auseinandersetzung – manchmal leidenschaftlich, manchmal hart, oft persönlich.

Heute ist er weitgehend vergessen. In Lausen erinnert nichts Offensichtliches an ihn. Und doch war er eine prägende Figur der frühen Kantonsgeschichte.

Christoph Rolle wurde am 4. Januar 1806 in Lausen geboren. Sein Vater Jakob Rolle war Lehrer – ein Amt mit Autorität. Der Lehrer war im frühen 19. Jahrhundert nicht nur Pädagoge, sondern eine tragende Figur des Dorflebens: Berater, Schreiber, moralische Instanz.

Der Sohn wuchs in dieser Atmosphäre auf. Früh zeigte sich seine Begabung. Und ebenso früh sein Wille, Verantwortung zu übernehmen.

Ausbildung in Muttenz – Teil eines Bildungsaufbruchs

Nach seiner Konfirmation trat Christoph Rolle in das Lehrerseminar in Muttenz ein. Dass bereits seit 1813 eine solche Ausbildungsstätte existierte, ist heute kaum noch bekannt. Das Seminar war von Sissach nach Muttenz verlegt worden und stand unter der Leitung von Pfarrer Johann Jakob Bischoff. Es war keine staatliche Grossinstitution, sondern eine kirchlich geführte Einrichtung, getragen vom Gedanken, dass Lehrer systematisch ausgebildet werden müssten.

Bis dahin hatten viele Schulmeister nur eine rudimentäre Vorbereitung erhalten. Nun begann man, Unterricht methodisch zu denken. Pädagogik, religiöse Unterweisung, Lesefähigkeit, Schreibunterricht und Disziplin wurden nicht mehr improvisiert, sondern geplant.

Das Seminar in Muttenz war Ausdruck eines neuen Selbstverständnisses: Bildung sollte die Grundlage politischer Mündigkeit sein.

Rolle gehörte zu dieser Generation von Lehrern, die nicht mehr nur Wissensvermittler waren, sondern als Träger gesellschaftlicher Ordnung verstanden wurden.

Schulmeister mit Führungsanspruch

1827 übernahm der erst einundzwanzigjährige Rolle die Leitung einer Schule mit rund 160 Kindern. Solche Zahlen erscheinen heute kaum vorstellbar. Mehrere Altersstufen sassen gemeinsam in einer Schulstube, Unterricht war frontal, Disziplin zentral.

Wer eine solche Schule leitete, brauchte Organisationstalent und Autorität. Rolle brachte beides mit. Zeitgenössische Hinweise beschreiben ihn als energisch und klar in seiner Haltung.

Doch während er im Klassenzimmer unterrichtete, verschärfte sich die politische Lage im Kanton Basel.

Aufruhr zwischen Stadt und Land

Die Spannungen zwischen Basel-Stadt und der Landschaft nahmen Anfang der 1830er Jahre dramatisch zu. Es ging um politische Mitsprache, um Gleichberechtigung, um die Frage, ob die Landschaft weiterhin von der Stadt dominiert werden sollte. In vielen Gemeinden wuchs das Gefühl, übergangen zu werden.

Christoph Rolle stellte sich auf die Seite der Landschäftler.

Er war nicht bloss Unterstützer, sondern Organisator. Im sogenannten Revi-Biet koordinierte er Widerstandstreffen, strukturierte Abläufe und half, bewaffnete Einheiten zu ordnen. Er dachte strategisch, plante vorausschauend und brachte Disziplin in eine Bewegung, die leicht hätte zerfallen können.

Hier entstand sein Beiname.

Man nannte ihn «General Rolle». Zeitgenössische Quellen sprechen auch vom «Generalissimus des Revi». Der Titel war nicht militärisch im formellen Sinn, sondern Ausdruck seiner Führungsrolle. Er hatte keine Uniform, keinen Rang, aber er führte.

Die Ereignisse kulminierten 1833 in der Trennung von Basel-Stadt und der Gründung des Kantons Basel-Landschaft. Rolle hatte an diesem Prozess aktiven Anteil.

Sein Engagement blieb jedoch nicht ohne persönliche Folgen. Er verlor seine Lehrstelle. Für einen jungen Lehrer bedeutete das eine existenzielle Zäsur. Doch er hatte sich entschieden.

Zwischen Lehramt und Neubeginn

Nach der Kantonstrennung unterrichtete Rolle nochmals in Liestal. Doch seine Gesundheit war angeschlagen. 1845 zwang ihn eine Erkrankung, den Schuldienst aufzugeben.

Zurück in Lausen begann er neu. Er eröffnete ein Geschäft für Geldvermittlung, Schuldeneintreibung und Weinhandel. Diese Tätigkeit erforderte Durchsetzungskraft und Genauigkeit. Kreditvergabe und Inkasso waren keine Nebentätigkeiten, sondern anspruchsvolle wirtschaftliche Aufgaben.

Rolle bewies Geschäftssinn. Gleichzeitig blieb er in der Gemeinde aktiv: als Gemeinderat, als Schulpfleger, als Armenpfleger. Er war ein Mann, der Verantwortung nicht scheute.

Die Revisionsbewegung der 1860er Jahre

Die politische Bühne betrat er erneut mit Nachdruck Anfang der 1860er Jahre. Der sogenannte «Niemalsbeschluss» von 1861 – mit dem eine Verfassungsrevision abgelehnt wurde – löste in weiten Kreisen Unmut aus. Viele empfanden die bestehende Ordnung als unzureichend.

Rolle sammelte diese Unzufriedenen im Revisionsverein.

Wie schon in den 1830er Jahren zeigte er organisatorische Fähigkeiten. Er strukturierte die Bewegung, formulierte Forderungen und gewann Unterstützer. Die sogenannte «Chnorzi»-Gruppe, zu deren Führungsfiguren er gehörte, forderte strikte Sparsamkeit im Staatshaushalt. Der junge Kanton sollte finanziell diszipliniert geführt werden.

Die politische Kultur jener Zeit war von scharfer Polemik geprägt. Zeitungen griffen Personen direkt an, persönliche Angriffe waren häufig. Parteistrukturen im modernen Sinn existierten kaum; Politik war stark personenzentriert.

Rolle wurde Regierungsrat, später Vizepräsident und Finanzdirektor. Sein Einfluss wuchs.

Das obligatorische Referendum

Die Verfassungsrevision von 1862/63 brachte eine entscheidende Neuerung: das obligatorische Gesetzesreferendum. Gesetze mussten fortan zwingend dem Volk zur Abstimmung vorgelegt werden.

Dieser Schritt war für die Entwicklung der direkten Demokratie im Kanton von grosser Bedeutung. Basel-Landschaft nahm hier eine Vorreiterrolle ein.

Rolle war an diesem Prozess massgeblich beteiligt. Er gehörte zu jenen, die Mitsprache des Volkes nicht nur als Schlagwort verstanden, sondern institutionell verankern wollten.

Parteiregiment und Bundesratsaufsicht

Mit wachsendem Einfluss nahm auch die Kritik zu. Gegner warfen Rolle ein «Parteiregiment» vor. Man sprach von Dominanz und von einem politischen Stil, der wenig Raum für Kompromisse liess.

Die Auseinandersetzungen gingen so weit, dass sich der Bundesrat wiederholt mit den politischen Zuständen im Kanton befassen musste. Das zeigt, wie zugespitzt die Lage war. Der junge Kanton befand sich noch in der Findungsphase. Institutionen waren nicht gefestigt, politische Loyalitäten stark personalisiert.

Rolle stand im Zentrum dieser Spannungen.

Gesundheitliche Belastung und Krise

In seinen letzten Lebensjahren traten gesundheitliche Probleme immer deutlicher hervor. Wiederholte Schlaganfälle schwächten ihn. Zeitgenössische Berichte sprechen von Verfolgungsideen. Man muss sich die Situation vor Augen führen: ein Mann, der über Jahrzehnte politisch exponiert war, der scharf angegriffen wurde und der gleichzeitig körperlich geschwächt war.

1865 kam es im Gasthof «Bären» in Lausen zu einem dramatischen Vorfall. Rolle verletzte den Wirt lebensgefährlich mit einem Messer. Dieses Ereignis markierte einen Wendepunkt.

In der damaligen Zeit fehlte ein medizinisches Verständnis für psychische Erkrankungen. Der Vorfall wurde moralisch bewertet. Politisch bedeutete er das Ende seiner Einflussnahme.

Rolle zog sich zurück. Seine gesundheitlichen Einschränkungen nahmen zu.

Die letzten Jahre

Die letzten Lebensjahre verbrachte er zunehmend im privaten Rahmen. Zeitzeugen berichten von einem Mann, dessen körperliche und geistige Kräfte nachliessen. Der einstige Organisator und politische Führer war nicht mehr im Zentrum des Geschehens.

Am 25. August 1870 starb Christoph Rolle im Alter von 64 Jahren.

Ein Blick aus heutiger Sicht

Wenn ich Christoph Rolle betrachte, sehe ich eine Persönlichkeit, die für eine konfliktreiche Phase unserer Kantonsgeschichte steht. Sein Spitzname «General» verweist auf seine Fähigkeit, Bewegungen zu strukturieren und Menschen zu führen. Er war kein Militär, aber ein Organisator.

Sein Anteil an der Einführung des obligatorischen Gesetzesreferendums ist bleibend. Dieser Schritt prägt unsere politische Kultur bis heute.

Gleichzeitig zeigt sein Lebensweg, wie stark Politik im 19. Jahrhundert personalisiert war. Es gab kaum institutionelle Distanz, keine Schutzmechanismen für exponierte Amtsträger. Kritik war direkt und persönlich.

Christoph Rolle war kein makelloser Held. Er war eine Figur mit Überzeugungen, mit Energie und mit Grenzen. Gerade deshalb lohnt es sich, ihn wieder in Erinnerung zu rufen.

Er gehört zur Geschichte des Baselbiets.

Bild: Zeitgenössische Darstellung der Schlacht an der Hülftenschanz, 1833, Martin Disteli (* 28. Mai 1802 in Olten; † 18. März 1844 in Solothurn) war ein Schweizer Maler und liberaler Polit-Karikaturist.

 

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Ein älterer Mann mit grauem Haar und Brille sitzt in einem Holzstuhl, trägt einen dunklen Pullover, hält ein aufgeschlagenes Buch in der Hand und blickt von den Seiten auf. Der Hintergrund ist eine schlichte, helle Wand.

Ich bin Hanspeter Gautschin, Erzähler und Autor von BodeständiX – Geschichten, die bleiben.

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