Eigentlich möchte ich wieder einmal einen Silvester erleben wie damals, als ich ein Bub war.
Nicht, dass es heute keine Silvester mehr gäbe. Es gibt sie. Jedes Jahr. Mindestens einmal.
Aber sie fühlen sich anders an. Sie sind nüchtern. Und ein wenig kalt.
Früher war Silvester ein langer Tag. Man stand früh auf. Viel zu früh. Noch bevor Mutters Wecker rasselte. Alle standen früh auf. Niemand wollte der Letzte sein. Denn wer als Letzter in der Küche erschien, der wurde ausgelacht. Dann hiess es: «Silvestermutti». Und das wollte niemand sein. Also stand man auf. Schnell. Und tat so, als sei das ganz selbstverständlich.
Silvester war ein Tag, der für uns Kinder schon in der Nacht begann und erst sehr spät in der Nacht aufhörte.
Das Hauptereignis dieses Tages nenne ich die Generalversammlung der Düfte.
An keinem anderen Tag war unser Haus so voll von Gerüchen. Wohlgerüche. Geheimnisvolle Gerüche. Gerüche, die nicht erklärten, was kommen wird, aber versprachen, dass etwas kommt.
Nach dem Morgenessen begann es. In der Stube wurde es warm. In der Küche wurde es geschäftig. Und irgendwo stand plötzlich ein knuspriger «Hanselmaa» herum, als wäre er ein Star. Ein kleiner Star. Ein Star aus Teig. Man durfte ihn anschauen. Und man wusste: Das ist nicht Alltag. Das ist Silvester.
Dann ging der Vater zum Metzger.
Das Rollschinkli war schon Wochen vorher bestellt. Man bestellte es nicht, weil man gerade Lust hatte. Man bestellte es, weil es sich so gehört.
Am Neujahrstag gab es bei uns gedörrte Bohnen mit Rollschinkli. Seit Menschengedenken. Darum waren für mich Bohnen mit Rollschinkli untrennbare Begriffe. So wie Winter und Schnee. Oder wie Kirche und Glocken.
Heute lächeln die Leute mild. «Was ist schon ein Rollschinkli?» sagen sie. Und ich verstehe das. Denn heute gibt es Fleisch an jedem Tag. Und an jedem Tag mehrere Sorten.
Aber damals, ich sage nur: damals.
Damals erschien Fleisch höchstens ein- bis zweimal die Woche. Und natürlich am Sonntag der herrliche Sonntagsbraten. Und dann kam Silvester. Und dann kam das Rollschinkli.
Der Einkauf war kein banaler Einkauf. Er war eine Handlung. Man machte daraus etwas Feierliches. Wir Kinder hatten das Gefühl, der Vater bringe ein Stück Himmelreich in die Stube, wenn er am Silvestermorgen mit dem Wunder im Einkaufskorb auftauchte.
Es wäre fast Gotteslästerung gewesen, das Rollschinkli in der Küche auszuwickeln. Dafür brauchte es die heilige Halle der Wohnstube.
Die ganze Familie stand um den Stubentisch. Der Vater stand oben am Tisch. Und er wickelte aus. Langsam. Ehrfürchtig. Das Rollschinkli kostete damals viel. Für eine einfache Arbeiterfamilie.
Und dann war da der Duft.
Der Duft von diesem Säuliwunder mitten auf dem Tisch in unserer Stube. Er konnte nur mit sich selber verglichen werden. Ich habe später viele Wohlgerüche gekannt. Aber keiner kam auch nur annähernd an diesen Rollschinkli-Duft heran, der unsere Kindernasen liebkoste. Das gibt es nur einmal. Das kommt nicht wieder.
Wenn der Rollschinkli-Akt bis zur Neige ausgekostet war, kehrte man mehr oder weniger berauscht zur Tagesordnung zurück.
Schon Wochen vorher hatte die Mutter besonders schöne Zweifränkler in ein spezielles «Drückli» gelegt. Am Silvester bekamen alle dienstbaren Geister ihr Trinkgeld. Der Briefträger. Und wer sonst noch jedes Jahr irgendwie bei uns vorbeikam.
Die Mutter verzichtete darauf, jemandem Alkohol aufzutanken. Sie entschloss sich zu Bargaben. Und wir Kinder hatten die Ehre, das Trinkgeld zu überreichen.
Man pflegte damals noch den Brauch des Dankens. Auch für eine kleine Gabe sagte man ehrlich «dankeschön». Ich habe später selten wieder so ehrliche «dankeschön» gehört wie an solchen Silvestervormittagen.
Und dann ging es weiter mit den Düften. Meine vielseitige Mutter verwandelte unsere Küche in eine paradiesisch duftende Backstube.
Sie begann mit dem Neujahrszopf. Die Rinde leuchtete wie Gold, weil die Mutter sie mit Eigelb angestrichen hatte.
Ich sehe es noch: wie die Mutter den Teig knetete. Ich höre noch das Klopfen. Ich sehe den Küchentisch, der fröhlich hüpfte, wenn die Mutter den Teig kräftig auf den mehlbestreuten Tisch schlug. Ich sehe das Mehl in ihren Haaren. Ich rieche den Duft, der aus dem Backofen stieg, wenn sich der geflochtene Teig zur endgültigen Form wölbte.
Dank all diesen Sondereinlagen in den «1001 Düften» des Silvesters verging der Nachmittag im Sauseschritt.
Und dann war da noch der Abend.
Damals hatte man noch nicht den Fortschritt auf dem Hals. Wir hatten keinen Fernseher. Und weil es kein Fernsehen gab, besass man Zeit zum Nachsehen.
Man kannte die Einrichtung praktischer Familiengemeinschaft. Man musste nicht krampfhaft eine Konzession ausnützen. Man hatte vielmehr Musse, sich mit sich selber und den anderen abzugeben. Rückschau zu halten. Oder auch Vorausschau. Man konnte miteinander sprechen. Lachen. Schabernack treiben.
Heute sitzt man den ganzen Abend mäuschenstill da, um ja nicht das kulturell segensreiche Fernsehprogramm zu stören.
Natürlich durften wir Kinder bis nach dem Einläuten des neuen Jahres aufbleiben.
Wir hörten die Kirchenglocken, wie sie das neue Jahr einläuteten, mit etwas scheppernder Stimme, wie es uns schien.
Und danach wurde der Silvesterschmaus aufgetischt: kalter Aufschnitt. Dann mussten wir ins Bett.
Bitte lächle nicht. Ich weiss ja auch, dass Aufschnitt heute etwas vom Minderwertigsten ist, das man einem Gast aufstellen kann.
Aber damals, vor sechzig Jahren, bildete die grosse flache Platte mit Aufschnitt für uns den Gipfel der irdischen Seligkeit.
Heute ist der Silvester etwas anders geworden.
Die Männer treffen sich beim Einläuten nicht mehr auf dem Dorfplatz, um gemeinsam einen Humpen zu leeren und um zu fühlen, man gehöre allen menschlichen Schwächen zum Trotz zusammen.
Heiratsfähige Töchter giessen in der Silvesternacht auch nicht mehr Blei, um den Beruf ihres Zukünftigen zu erfahren.
Wir haben längst keine Zeit mehr, den Silvester als Abschluss und zugleich als hoffnungsvollen Neubeginn zu empfinden. Niemand braucht um zwölf Uhr den bequemen Fauteuil zu verlassen und den Wohlstandswhisky kurz auf die Seite zu stellen, um draussen in der kalten Winternacht den Kirchenglocken zu lauschen, die das neue Jahr einläuten.
Denn auf der Flimmerscheibe knallen die Korken der Champagnerflaschen, prasseln die ausgezeichneten Feuerwerke, tröpfeln die grandiosen Scherze der TV-Stars in die ersten Stunden des jungen neuen Jahres.
Doch wozu Klagelieder anstimmen.
Es geht uns prima.
Sind wir denn nicht viel reicher als zu Zeiten, in denen Silvester für uns prickelndes Kinderglück bedeutete?
Ich meine: äusserlich reicher.







So eine wundervolle Geschichte und ob dus glaubst oder nicht bei uns gibt es heute noch Rollschinkli an Silvester!
Danke für deine Erinnerungen. Früher war alles besser wird oft belächelt. Aber mit deinen Silvestererinnerungen hast du mehr als recht. Viele schätzen heute weder die Riesenauswahl an Essen wie auch den Überfluss an allem. Nur eines ist weniger geworden das analoge Zusammensein. Wir sind mit unzähligen Menschen/Freunden digital vernetzt und immer im Austausch. Dauernd. Und trotzdem herrscht das Gefühl von nicht erfüllt sein und Einsamkeit. Wir sind nun mal keine digitalen Wesen. Wir sind analog und greifbar – berührbar – riechbar- fühlbar – spürbar. Wir funktionieren analog – selbst wenn digitale Hörgeräte oder Herzschrittmacher uns im Alltag helfen. Wenn wir den persönlichen Kontakt nicht mehr haben bleibt alles an der Oberfläche. Der grosse Wert für uns Lebewesen liegt im Analogen – der persönlichen Auseinandersetzung – dem direkten Gespräch – dem sich in die Augen schauen. Leider verlernen und verlieren wir dabei Seelen- und Herzerwärmendes. Es guets Nöis mit unglaublich vielen und schönen analogen Kontakten und Erlebnissen. Iris
P.S.: Warum kann man keine Komma setzen??
Liebe Iris, danke dir – das hast du wunderbar auf den Punkt gebracht: Wir brauchen das Analoge, das Echte, das Gegenüber, sonst bleibt vieles tatsächlich an der Oberfläche. Dir auch es guets Nöis – mit ganz vielen warmen, persönlichen Begegnungen.
Liebe Beatrice, wie schön – Rollschinkli an Silvester, das ist ja richtig traditionell! Das freut mich, dass es das bei euch noch gibt. Lasst’s euch schmecken und es guets Nöis!
Ich ordne mich in Deine und in Iris‘ Gedanken ein.
Wir sind u.a. noch sehr analog was moderne Gerätschaften betrifft. Und auch die Zwänge die damit einhergehen brauche ich nicht. Ich hoffe dass es noch lange möglich sein wird ein einfaches Handy zu bedienen. Mein Partner und ich sind beispielsweise ganz entschieden privat keine Smartphones nützen zu wollen. Es irritiert uns auch andere beim ständigen Wischen zu beobachten. Und wir fahren gerne mit dem Zug durchs Leben. Das Auto bleibt stehen wann immer es möglich ist.
Lieber Hanspeter alles Gute im neuen Jahr – ich freue mich auf viele weitere berührende Erzählungen und Gedanken.
Danke Dir herzlich für Deinen offenen, warmen Kommentar. Dieses bewusste „analog bleiben“ kann ich gut nachvollziehen – gerade, weil es Ruhe schafft und den Blick frei macht fürs Wesentliche. Ich wünsche Dir ebenfalls alles Gute im neuen Jahr und freue mich, wenn Du weiter mitliest.