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In roter Schrift steht "BodeständiX" über dem schwarzen Text "Der Autorenblog von Hanspeter Gautschin" auf weißem Hintergrund.
Das crazy – Die neue Sprachlosigkeit
Zwei Teenager sitzen nebeneinander auf einer Bank, jeder konzentriert auf sein Smartphone. Beide tragen legere Kleidung und lächeln sanft, während das Licht von einem Fenster hinter ihnen hereinströmt.

Ich sass neulich im Zug, gegenüber zwei Jugendliche, vielleicht sechzehn, sie tippten ununterbrochen auf ihren Handys herum.

Irgendwann hob der eine kurz den Kopf und sagte:
«Das crazy.»
Der andere nickte.
Ich wartete auf eine Erklärung, ein Wort mehr, vielleicht einen halben Satz. Nichts. Nur ein erneuter Blick aufs Display. Gespräch beendet.

Nun, das crazy also. Das Jugendwort des Jahres 2025. Der Langenscheidt-Verlag hat’s offiziell gemacht. Eine «Allzweckwaffe der Sprachlosigkeit», wie man dazu sagt. Passt immer, wenn einem nichts mehr einfällt.

«Hast du Matheprüfung verhauen?» – «Das crazy.»
«Oma im Spital?» – «Das crazy.»
«Apokalypse läuft?» – «Das crazy.»

Und irgendwo im Hintergrund seufzt der Duden.

Sprache als Kurzstreckenlauf

Man muss es den Jungen lassen: Sie sind effizient.
Wozu noch lange reden, wenn man mit zwei Silben alles sagen kann – Erstaunen, Zustimmung, Gleichgültigkeit inklusive? In einer Welt, in der schon eine Sprachnachricht als Zumutung gilt, ist «das crazy» das perfekte Minimalwort.
Es ersetzt ganze Gefühlslagen durch einen neutralen Laut.
Vielleicht ist das ja die sprachliche Variante von Fast Food: schnell, sättigend, aber ohne bleibenden Geschmack.

Auf Platz zwei der Hitliste: «Side eye» – ein Blick sagt mehr als tausend Wörter.
Und auf Platz drei: «goon» – ein Begriff, der sich selbst erklärt, sobald man ihn besser nicht erklärt.

Der Marketingchef des Verlages betont, die Wahl zeige «den starken Einfluss der englischen Sprache und den Trend zu Kürze und Einfachheit».
Man könnte auch sagen: zur sprachlichen Diät.
Was früher ein Satz war, ist heute ein Meme.

Von «krass» bis «geil» – nichts Neues unter der Sonne

Natürlich, das alles gab es schon früher. Jugendsprache war immer ein geheimer Code, ein Abgrenzungsinstrument.
Unsere Grosseltern sagten «toll» und meinten «aufregend». Ihre Eltern fanden’s albern.
Wir sagten «lässig» oder «geil» – und ernteten Stirnrunzeln.
Heute sagt man «das crazy» – und wir runzeln die Stirn.
So dreht sich das Rad der Generationen.

Doch eines ist anders: Früher erweiterte Jugendsprache den Ausdruck, heute verkürzt sie ihn. Aus «krass» wurde «nice», aus «nice» «lit», und aus «lit» nun einfach «crazy».
Bald vielleicht nur noch ein Emoji, ein Kopfnicken, ein Blick.
Kommunikation auf Diät, Ausdruck auf Standby.

Was bleibt, wenn die Worte verschwinden?

Vielleicht liegt darin ein leiser Schmerz. Sprache ist ja nicht nur Mittel, sondern Heimat.
Wenn Wörter verschwinden, schrumpft auch das Denken ein wenig.
Wer nichts mehr benennt, spürt irgendwann weniger.

Doch vielleicht ist diese neue Sprachlosigkeit auch ein Schutzmechanismus.
Die heutige Jugend lebt in einer Welt, die permanent über sie redet, ihr alles erklärt, sie erzieht, belehrt, optimiert. Vielleicht bleibt da nur die Flucht in zwei Silben:
«Das crazy» – als stiller Protest gegen das Dauererklären der Erwachsenenwelt.

Vielleicht sagen die Jungen damit: Wir müssen gar nicht alles benennen. Wir leben’s einfach.
Und das wäre dann gar nicht so dumm.

Das Schweigen zwischen den Generationen

Wenn man es genau nimmt, reden die Generationen gar nicht mehr miteinander, sondern aneinander vorbei.
Die Jungen sprechen in Kürzeln, die Alten in Vorträgen.
Der eine ruft: «Das crazy!»
Der andere fragt: «Aber in welchem Kontext meinst du das?»
Zwei Welten, verbunden durch ein WLAN, getrennt durch Syntax.

Am Ende bleibt ein Schmunzeln

Vielleicht ist das alles gar nicht so tragisch.
Sprache war immer im Wandel, sie spiegelt den Zeitgeist – und manchmal auch die Ratlosigkeit darüber.
Und wer weiss: In fünfzig Jahren wird jemand seine Enkelin fragen, wie der Tag war, und sie wird sagen:
«Das crazy.»
Und der Grossvater wird nicken und antworten:
«Das schön.»

Denn so ist es eben mit den Worten:
Sie verändern sich, sie kommen, sie gehen – und manchmal sagen sie mehr, gerade weil sie so wenig sagen.

Vielleicht ist «das crazy» weniger Sprachverfall als Zeitdiagnose.
Ein Wort, das die Überforderung einer Generation in zwei Silben verdichtet.
Zwei Buchstaben für die Schnelllebigkeit, zwei Silben für das Nicht-mehr-Mitkommen.
Vielleicht also nicht «das crazy», sondern – das ehrlich.

 

 

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Über

Ein älterer Mann mit grauem Haar und Brille sitzt in einem Holzstuhl, trägt einen dunklen Pullover, hält ein aufgeschlagenes Buch in der Hand und blickt von den Seiten auf. Der Hintergrund ist eine schlichte, helle Wand.

Ich bin Hanspeter Gautschin, Erzähler und Autor von BodeständiX – Geschichten, die bleiben.

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