Manchmal hat man das Gefühl, die Welt sei verkehrt herum. Zum Beispiel bei den Sommerferien. Sie sind die längsten, und doch waren sie in meiner Kindheit die langweiligsten.
Das klingt paradox, ist aber wahr. Denn kaum war die Schule aus, verschwanden die Kinder. Manche Familien fuhren ins Tessin, die Glücklicheren gar nach Rimini, andere nach Jesolo. Es hiess dann, sie «gingen ans Meer». Als ob das Meer auf uns gewartet hätte. In Wahrheit wartete nur die Langeweile. Denn zurück blieb ein leeres Dorf, verwaiste Strassen und ein Haufen Kinder, die keinen Haufen mehr bildeten, weil sie einfach nicht da waren.
Und dann kam der Herbst. Ach, der Herbst! Man könnte beinahe behaupten, er sei die Erfindung der Kinder. Denn im Herbst war plötzlich alles da. Die Freunde, die Nachbarskinder, die grösseren Buben, die wir mit weit aufgerissenen Augen bestaunten, und die Kleineren, die uns wie Schatten hinterherliefen. Die Welt war voll und gleichzeitig überschaubar. Man musste bloss die Haustüre öffnen, und schon stand die Gesellschaft bereit. So viel Bequemlichkeit hat es später nie mehr gegeben.
Mein bester Freund und ich hatten unsere festen Gewohnheiten. Wir gingen in den Wald. Es roch dort nach feuchter Erde, nach Laub, das den Sommer satt hatte und sich anschickte, zu vergehen. Wer so etwas nie gerochen hat, dem lässt es sich schwer erklären. Wer es aber kennt, der braucht keine Worte mehr dafür.
Wir bauten Hütten aus Ästen, wir spielten Räuber und Indianer, und wenn uns gar nichts mehr einfiel, legten wir uns einfach ins Laub. Stundenlang konnten wir zuhören, wie die Buchen rauschten, als wollten sie ein Buch vorlesen. Vielleicht taten sie es auch. Manchmal fanden wir Pilze. Kleine, die wie Knöpfe aussahen. Grosse, die wie Teller wirkten. Und wenn wir einmal einen Steinpilz fanden, war das ein Ereignis, über das wir noch tagelang redeten. Ein Steinpilz war unser Goldbarren, unser Pokal, unser Weltrekord.
Doch so schön der Wald war, die eigentliche Sensation spielte sich auf den Feldern ab. Dort gab es die Kartoffelernte. Heute erledigen das die Maschinen, fast so gross wie Häuser. Damals war es anders. Es gab den sogenannten Schleuderroder, eine eiserne Maschine, die den Boden aufriss und die Knollen nach oben schleuderte. Sie ratterte und polterte, als hätte sie sich mit der Erde verkracht. Meistens zog ein Traktor dieses kleine Ungetüm. Aber bei einigen wenigen Bauern gab es noch Pferde davor. Ein Bild für die Ewigkeit: Das Pferd schnaubte, der Bauer hielt die Leinen, ging ruhig nebenher, und die Schar arbeitete sich durch die Erde. Knollen purzelten heraus, Erdklumpen sprangen, Steine rumpelten, Eisenstangen klirrten. Wer das einmal gehört hat, vergisst es nicht mehr.
Und wir Kinder liefen daneben. Wir waren nicht nur Zuschauer, wir waren Teilnehmer. Wir bückten uns, griffen zu, füllten Körbe. Anfangs war es ein Spiel. Wer findet die grösste Kartoffel? Wer füllt den Korb schneller? Es war ein Wettbewerb, ohne Pokal, ohne Schiedsrichter, aber mit ehrlicher Begeisterung. Eines Tages hielt einer von uns eine Knolle hoch, die aussah wie ein Herz. Sofort schrien wir alle durcheinander: «Der ist verliebt!» Wir lachten, und wir hörten nicht mehr auf. Wer jemals eine Kinderschar beim Lachen erlebt hat, weiss, dass man sie nicht bremsen kann. Erwachsene lachen selten so. Vielleicht liegt darin ihr Unglück.
Doch irgendwann wurde das Spiel zur Arbeit. Rücken und Finger meldeten sich. Die Erde klebte an den Händen, die Sonne stand tiefer, und das Lachen verstummte. Aber wir hielten durch. Wir wussten, was uns am Abend erwartete: das Feuer.
Am Feldrand sammelten wir die verdorrten Stauden. Sie mussten sowieso verbrannt werden. Wir schleppten Holz aus dem nahen Wald, schichteten es sorgfältig auf. Dann entzündeten wir das Ganze. Zuerst züngelten kleine Flammen, dann krachte und knisterte es, und schliesslich brannte es lichterloh. Wir sassen drum herum und streckten die Hände aus. Die Abende waren kühl, und die Wärme tat uns gut.
Das Warten begann. Denn ehe man Kartoffeln ins Feuer legen konnte, musste eine dicke Glut her. Wer zu früh war, bekam Kohle statt Kartoffel. Geduld war also gefragt. Geduld – das ist eine Tugend, die Kinder nicht besitzen. Wir stachen mit Stöcken in die Knollen, wir zogen sie zu früh heraus, wir pusteten, wir verbrannten uns die Finger und die Zungen. Wir schimpften, lachten und probierten es von neuem. Und dann war es soweit. Die Kartoffeln waren schwarz aussen, aber innen weich und warm. Sie schmeckten süsslich, rauchig, nach Erde, nach Herbst, nach Leben. Man brauchte kein Salz, keine Butter, keine Teller. Die Kartoffel genügte. Einer von uns rief: «Ein Herrenessen!» Wir wiederholten es, immer wieder, bis es ein Wort war, das uns gehörte. Wir sassen da, mit Russ im Gesicht und vollen Bäuchen, und fühlten uns wie Feinschmecker aus Paris. Vielleicht sogar noch ein bisschen mehr.
Wenn die Dunkelheit kam, gingen wir heim. Wir waren müde, der Rauch hing in den Kleidern, die Hände waren schwarz, die Gesichter auch. Die Mütter mussten nicht fragen, wo wir gewesen waren. Man sah es. Man roch es.
Und so waren die Herbstferien. Kein Meer, keine Hotels, keine Ansichtskarten. Nur Wald, Kartoffeln, Feuer. Und das Gefühl, dass uns die Welt gehörte. Wenigstens für ein paar Tage.
Das Leben ist kompliziert, sagen die Erwachsenen. Vielleicht stimmt das. Aber manchmal, wenn man schwarzgebrannte Kartoffeln im Bauch hat und Russ im Gesicht, dann ist es erstaunlich einfach.







Lieber Hanspeter ich freue mich immer sehr deine Geschichten zu lesen danje villmool
Hanna Thommen-Regenass
Danke Hanna, solches höre bzw. lese ich natürlich gerne!