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In roter Schrift steht "BodeständiX" über dem schwarzen Text "Der Autorenblog von Hanspeter Gautschin" auf weißem Hintergrund.
Boomer-Bashing – ein Blick hinter die Schlagworte
Ein älterer Mann, der eine Zeitung mit der Aufschrift Alte Werte in der Hand hält, steht neben einem bunten Haus, während ein jüngerer Mann mit einem Laptop, auf dem Aktiencharts abgebildet sind, neben einem Haus mit Graustufen sitzt, was die Unterschiede zwischen den Generationen und ein subtiles Boomer-Bashing symbolisiert.

Immer wieder taucht er auf, der Vorwurf an die «Boomer». Gemeint sind die Jahrgänge 1946 bis 1964 – also jene, die heute zwischen sechzig und achtzig Jahre alt sind. In Zeitungen, Talkshows und in den Kommentarspalten heisst es oft: Diese Generation sei schuld an allem – Klimakrise, Wohnungsknappheit, AHV-Krise, Blockade in Politik und Gesellschaft.

Auch ich selbst habe diese Zuschreibungen schon zu lesen bekommen. Die alten, weissen Männer – ein Feindbild, das gut funktioniert. Es ist einfach, klar und entlastend: Die Jungen sind Opfer, die Alten Täter. Doch die Wirklichkeit ist, wie so oft, differenzierter.

Ein Leben voller Umbrüche

Die Boomer sind in einer Schweiz aufgewachsen, die sich rasant verändert hat.

  • In den 1950er Jahren herrschte vielerorts noch Mangel.
  • Die 1960er brachten das Wirtschaftswunder und gesellschaftliche Aufbrüche.
  • Die 1970er standen im Zeichen von Ölkrise, Arbeitslosigkeit und einem ersten Gefühl der Grenzen des Wachstums.
  • Die 1980er schliesslich erlebten hohe Zinsen, aber auch einen Börsenboom.

Diese Generation hat sich durch Krisen und Chancen bewegt. Sie hat gearbeitet, gespart, Häuser gebaut, Kinder grossgezogen und immer wieder neue Technologien gelernt. Von der Schreibmaschine bis zum Smartphone – das war kein Spaziergang, sondern Anpassung pur.

Sind die Boomer wirklich reich?

Statistiken zeichnen ein klares Bild – auf den ersten Blick.

  • Das Medianvermögen pro Erwachsener in der Schweiz liegt bei rund 150’000 Franken.
  • Pensionierte Haushalte verfügen über höhere Nettovermögen: 113’800 Franken (Pflichtschule), 258’600 Franken (Sek II), 396’100 Franken (Tertiärabschluss).
  • In Luzern lag das Medianreinvermögen der 65–74-Jährigen 2020 bei 240’700 Franken.

Doch diese Zahlen trügen. Denn es handelt sich meist nicht um Bargeld. Es sind Pensionskassenguthaben, Säule-3a-Gelder oder Immobilien.

Ein Haus, das heute einen Verkehrswert von 900’000 Franken hat, ist kein Geldhaufen im Keller. Es ist Wohnraum – mit Hypothek, Unterhaltskosten und steuerlichen Belastungen. Auf dem Papier wirkt es wie Reichtum. Im Alltag bedeutet es Sicherheit, aber keine grosse Liquidität.

«Sie blockieren die Jobs» – oder halten sie sie am Laufen?

Oft heisst es: Die Alten besetzen Posten, die Jungen kommen nicht hoch.

Die Realität ist differenzierter: In vielen Branchen sind die über Sechzigjährigen unverzichtbar. In Pflege, Technik, Bildung oder Verwaltung sind sie das Rückgrat. Und: Erfahrung ist kein Stillstand, sondern oft die Basis dafür, dass komplexe Systeme weiterlaufen.

Digitale Rückständigkeit – ein bequemes Vorurteil

Die Karikatur vom Boomer, der das Internet nicht versteht, greift zu kurz.

Diese Generation hat den Weg von Fax und Diskette bis zu Cloud und KI mitgemacht. Nicht aus Spass, sondern weil es die Arbeitswelt verlangte. Die Frage ist nicht, ob die Alten gelernt haben. Sondern, ob die Jungen im Alter denselben Lernwillen aufbringen werden.

Die eigentlichen Ursachen

Die Probleme liegen nicht bei einer Generation, sondern in Strukturen:

  • Demografie: Die Bevölkerung altert, die AHV gerät unter Druck.
  • Gesundheitswesen: Jede medizinische Innovation verlängert Leben – und erhöht Kosten.
  • Immobilienmarkt: Bodenpolitik und Zinsen haben Preise explodieren lassen.
  • Kapitalmärkte: Wer früh investieren konnte, profitierte vom Zinseszinseffekt.

Erben – Hoffnung mit Haken

Rund 88–100 Milliarden Franken wechseln in der Schweiz jährlich durch Erbschaften und Schenkungen den Besitzer. Rund ein Viertel davon fliesst als Schenkungen zu Lebzeiten.

Doch die Statistik zeigt: Nur etwa 10 % der Unter-60-Jährigen haben überhaupt schon geerbt. Oft kommt das grosse Geld erst spät – wenn die Erben selbst schon im Ruhestand sind.

Internationale Parallelen

In den USA ist das «Boomer-Bashing» ein Kult: Dort gelten sie als Generation, die sich Häuser und Aktien gesichert und den Jungen Studienkredite und Klimaschäden hinterlassen hat.

In Deutschland ist das Schlagwort Talkshow-tauglich. Dort sind die Boomer die Besitzstandswahrer, die ihre Renten verteidigen und Wohneigentum vererben, aber den Jungen wenig Raum lassen.

Die Schweiz importiert diese Bilder – übersieht dabei aber die Unterschiede: andere Systeme, tiefere Eigenheimquote, andere Traditionen.

Wiederkehrende Muster

Spannend ist der historische Blick: Vor vierzig Jahren machten die Jungen über die Alten Witze. Sie sprachen von Sesselfurzern und Betonköpfen.

Heute wiederholt sich das Spiel – nur die Rollen haben gewechselt. In zwanzig Jahren werden die Millennials die Zielscheibe sein. Generationenkonflikte sind ein Kreislauf.

Fallbeispiel 1: Der Boomer-Haushalt

Ein Einfamilienhaus in Oberdorf BL, 1978 für 220’000 Franken gekauft. Heute hat es einen Verkehrswert von rund 950’000 Franken. Die Hypothek ist fast abbezahlt. Dazu kommen 500’000 Franken Pensionskassenguthaben und 3’600 Franken AHV-Rente pro Monat für das Ehepaar.

Auf dem Papier 1,4 Millionen Franken. In der Realität: hohe Kosten für Unterhalt, steigende Krankenkassenprämien, medizinische Auslagen. Die Liquidität ist überschaubar.

Fallbeispiel 2: Der 30-Jährige heute

Eine 3,5-Zimmer-Mietwohnung in Zürich kostet 2’600 Franken im Monat. Der Lohn liegt bei 6’200 Franken brutto. Nach Abzügen bleibt kaum Spielraum zum Sparen. Erspartes: 20’000 Franken. Ein Eigenheim? Unerreichbar.

Der Unterschied ist spürbar – aber er liegt in Märkten und Strukturen, nicht am bösen Willen der Älteren.

Die unbequeme Wahrheit

Boomer-Bashing ist einfach.
Ja, Ältere besitzen mehr – weil sie 40 Jahre lang gespart und investiert haben.
Ja, Jüngere tragen mehr Lasten – weil Demografie, Gesundheitswesen und Immobilienmärkte die Spielregeln verändert haben.

Die wahren Fragen sind: Wie sichern wir die AHV? Wie bremsen wir die Kosten? Wie schaffen wir bezahlbaren Wohnraum?

Die Boomer sind weder Engel noch Schuldige. Sie haben in einer bewegten Zeit gelebt, Fehler gemacht und vieles aufgebaut.

Die Schweiz braucht Generationengerechtigkeit – aber nicht durch Schlagworte oder Feindbilder. Sondern durch gemeinsame Reformen.

Wer nur auf «alte, weisse Männer» zeigt, macht es sich zu einfach. Und löst nichts.

Quellen

  • UBS Global Wealth Report 2023 – Medianvermögen Schweiz
  • Die Volkswirtschaft, 21.02.2023 – Vermögen nach Bildungsstand
  • LUSTAT Statistik Luzern – Medianreinvermögen 65–74 (2020)
  • ZKB Blog (2024): Erbschaften und Schenkungen (ca. 88 Mrd. CHF)
  • Bilanz, 17.09.2025: Erbschaften ca. 100 Mrd. CHF
  • ZHAW (2023): Schenkungen ca. 23 Mrd. CHF jährlich
  • SchwiizerFranke / AXA – Medianvermögen nach Altersgruppen
  • BSV-Studien – Vergleich Vermögen Pensionierte vs. Erwerbstätige

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Über

Ein älterer Mann mit grauem Haar und Brille sitzt in einem Holzstuhl, trägt einen dunklen Pullover, hält ein aufgeschlagenes Buch in der Hand und blickt von den Seiten auf. Der Hintergrund ist eine schlichte, helle Wand.

Ich bin Hanspeter Gautschin, Erzähler und Autor von BodeständiX – Geschichten, die bleiben.

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