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In roter Schrift steht "BodeständiX" über dem schwarzen Text "Der Autorenblog von Hanspeter Gautschin" auf weißem Hintergrund.
Das Kleinod

In einer rauen, einsamen Gegend entdeckte ein Mann bei seiner Arbeit einen ungewöhnlichen Stein. Als er ihn genauer betrachtete, stellte er fest, dass er von innen heraus strahlte – ein Leuchten, das alle Schönheit und Wunder des Lichts in sich trug.

Überglücklich nahm er den Stein an sich. Er wurde sein wertvollster Besitz, sein treuer Begleiter. Selbst in dunklen Stunden spendete ihm das Kleinod Trost und Hoffnung.

Wann immer ihn die Einsamkeit bedrückte oder der Alltag ihn herausforderte, liess er seine Finger über den Stein gleiten, hob ihn hoch und betrachtete ihn so lange, bis sein geheimnisvolles Strahlen lebendig wurde und all seine Sorgen verblassen liess.

Mit der Zeit ging von seinen Augen dasselbe Leuchten aus, ein sanftes, warmes Strahlen, das ihn selbst in schwierigen Zeiten lächeln liess.

So vergingen die Tage. Schliesslich verspürte er den Drang, seinen Schatz mit anderen zu teilen. Er wollte nicht länger allein mit diesem wundersamen Licht sein – er wollte es den Menschen zeigen, damit auch sie daran teilhaben konnten.

Voller Zuversicht machte er sich auf den Weg in die belebten Strassen einer grossen Stadt.

Unterwegs fühlte er sich so beschenkt und reich, dass er lächelnd alles weggab, was er bei sich trug. Bettlern gab er sein letztes Geld, Reisenden sein Brot.

«Ich habe doch das Kleinod», sagte er sich. «Die Menschen werden es sehen und verstehen, und sie werden mich willkommen heissen. Ich werde nie Hunger leiden müssen.»

Mit dieser kindlichen Gewissheit betrat er die Stadt und suchte nach Menschen, mit denen er sein Kleinod teilen konnte.

Doch die Menschen schenkten ihm keine Beachtung. Sie waren mit sich selbst beschäftigt, hasteten an ihm vorbei und stiessen ihn grob beiseite.

Als er versuchte, sie auf das wundersame Leuchten des Steines aufmerksam zu machen, zuckten sie nur mit den Schultern.

«Ein Narr», sagten sie kühl. «Was redet er von einem Leuchten, das wir nicht sehen können?»

Einer von ihnen ging noch weiter. Er packte den Mann grob am Arm und versuchte, ihm den Stein zu entreissen.

«Bestimmt ist er gestohlen», höhnte er. «Wie solltest du sonst in den Besitz eines solchen Schatzes gekommen sein?»

Doch als er in die dunklen, leuchtenden Augen des Fremden blickte, verstummte er.

Der Mann verhüllte seinen Stein und verliess die Stadt – traurig, aber nicht entmutigt.

«Vielleicht war ich an der falschen Stelle», dachte er. «Vielleicht muss ich meine Botschaft woanders verbreiten.»

So zog er weiter, durch kleine Dörfer und Weiler, immer in der Hoffnung, dort Menschen zu finden, die sich Zeit nahmen, um sein Kleinod zu betrachten.

Die Natur, der blaue Himmel und die Sonne hellten sein Gemüt auf, und schon bald kehrte sein strahlendes Lächeln zurück.

«Mein Kleinod ist noch schöner als zuvor», dachte er voller Zuversicht und wanderte weiter.

Doch auch in den Dörfern war niemand an seinem Schatz interessiert.

«Wir haben selbst Steine in unseren Feldern“», sagten die Menschen gleichgültig. «Warum sollten wir uns einen einzelnen Stein ansehen? Wir haben Wichtigeres zu tun!»

Und so kehrten sie ihm den Rücken zu, gingen in ihre Häuser, kümmerten sich um ihr Vieh und dachten nicht weiter über den Fremden nach.

Da wurde dem Mann kalt. Hunger und eine grosse, unerklärliche Sehnsucht trieben ihn zurück in die Stadt.

«Ich war sicher in den falschen Strassen», sagte er sich. «Ich habe nicht hoch genug geschaut.»

Er drückte den Stein an seine Brust. Auch wenn er enttäuscht war, schenkte ihm das Kleinod noch immer das Gefühl eines unermesslichen Reichtums.

Doch dieses Mal trat er unsicherer in die Menge. Er spürte, dass seine Entschlossenheit geschwunden war.

«Zerschlag den Stein», rieten ihm die Menschen. «Zerbrich ihn in kleine Stücke. Vielleicht sehen wir dann sein Leuchten. Wenn du uns überzeugen kannst, geben wir dir Brot.»

Einer von ihnen reichte ihm einen Hammer.

Doch der Mann schüttelte erschrocken den Kopf.

«Meine Seele hängt an diesem Stein», sagte er leise. «Mein Wesen, mein Leben sind damit verbunden. So, wie er ist, hat ihn mir die Einsamkeit geschenkt. So, wie er ist, birgt er sein Wunder. Ich kann ihn nicht zerstören.»

Die Menschen lachten nur und liessen ihn stehen.

Er zog weiter, suchte nach einer einzigen Person, die ihn verstand.

«Wenn ich nur einen Menschen finde, der das Leuchten sieht, dann ist alles gut», dachte er. «Ich brauche nur eine Bestätigung – nur einen Menschen, der meine Wahrheit erkennt.»

Als der Tag zu Ende ging, setzte er sich müde auf die Stufen eines grossen Tempels.

Die schlanken Marmorsäulen der Vorhalle ragten hoch in den Himmel.

Er betrachtete seinen Stein, hielt ihn fest in den Händen und murmelte ein stilles Gebet.

Da kam ein Mädchen des Weges. Ihr Kleid war schlicht, doch auf ihren Wangen lag der zarte Hauch der Rosen.

«Du siehst hungrig aus», sagte sie mitfühlend. «Ich will mein Brot mit dir teilen.»

Sie brach ein Stück ab und setzte sich neben ihn.

«Was ist das für ein Tempel»? fragte der Mann.

«Ich weiss es nicht», antwortete sie. «Er ist fast immer geschlossen. Man sagt, er öffnet sich nur alle hundert Jahre. Aber ich sitze gern hier. Es ist, als könnte ich ein leises Singen hören, wenn ich ganz still bin.»

Sie blickte ihn mit grossen, verträumten Augen an und sah dann auf seinen Stein.

«Was hältst du da in den Händen? Warum betrachtest du ihn so andächtig?»

«Es ist mein Kleinod», sagte er. «Ich will es dir zeigen.»

Zitternd hob er den Stein in ihr Blickfeld.

Er wusste nicht, ob sie das Leuchten sehen würde.

Das Mädchen nahm ihn sanft in ihre Hände. Sie betrachtete ihn voller Staunen.

«Er ist wunderschön», flüsterte sie. «Nie habe ich so ein Licht gesehen. Es ist, als würde die Sonne auf dem Meer tanzen, als würde der goldene Abendwind über die Gipfel streichen. Es leuchtet tief in die Seele und macht sie lebendig.»

Sie sassen eng beieinander, betrachteten den Stein, verloren sich in seinem Licht.

Ihre Augen strahlten, ihr Herz schlug schneller.

Sie reichten sich die Hände, und plötzlich öffneten sich die Tore des Tempels.

Ein warmer, golden leuchtender Strom flutete über sie hinweg.

Und eine gütige Stimme rief sie hinein.

Hand in Hand traten sie ein – in das Licht, in die Schönheit.

Und das Kleinod leuchtete heller als je zuvor in ihren Händen.

 

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Ein älterer Mann mit grauem Haar und Brille sitzt in einem Holzstuhl, trägt einen dunklen Pullover, hält ein aufgeschlagenes Buch in der Hand und blickt von den Seiten auf. Der Hintergrund ist eine schlichte, helle Wand.

Ich bin Hanspeter Gautschin, Erzähler und Autor von BodeständiX – Geschichten, die bleiben.

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