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In roter Schrift steht "BodeständiX" über dem schwarzen Text "Der Autorenblog von Hanspeter Gautschin" auf weißem Hintergrund.
Pechvogel und Glückskind

In einer kleinen Stadt lebte einst ein junger Mann, dem wirklich alles misslang. Sein Vater hatte den Spitznamen «Pechvogel» getragen, und so nannte man auch ihn.

Früh war er Waise geworden, und eine lange, dürre Tante hatte ihn aufgenommen. Doch jeden Tag, wenn sie von der Messe zurückkam, prügelte sie ihn erbarmungslos. Obgleich er sich bemühte, schien das Unglück ihn auf Schritt und Tritt zu verfolgen. Fiel ihm ein Glas in die Hand, zerbrach es sofort. Und selbst beim Aufsammeln der Scherben schnitt er sich jedes Mal die Finger auf.

Eines Tages beschloss Pechvogel, sein Schicksal herauszufordern und in die weite Welt zu ziehen. «Schlechter kann es nicht werden», sprach er zu sich, «vielleicht finde ich irgendwo mein Glück.» So steckte er seine wenigen Habseligkeiten in eine Tasche und machte sich auf den Weg.

Bevor er die Stadt verliess, blieb er noch einmal auf der alten Steinbrücke stehen und blickte hinunter in den tosenden Fluss. Ein Hauch von Wehmut ergriff ihn. Es war ihm, als würde er einen treuen, alten Freund verlassen. Doch als ihm der Wind plötzlich den Hut vom Kopf fegte und in den Fluss warf, entschied er sich endgültig, weiterzuziehen.

So wanderte Pechvogel tagelang ohne Ziel. Manchmal begegneten ihm fröhliche Gesellen, die ihn einluden, sich ihnen anzuschliessen. Doch er schüttelte nur den Kopf und murmelte: «Ich heisse Pechvogel und bringe niemandem Glück.» Sobald sie seinen Namen hörten, machten sich die Leute schnell aus dem Staub.
Eines Abends kam er an einen prachtvollen Garten, der von einem hohen, vergoldeten Zaun umgeben war. Überall sah man uralte Bäume, saftig grüne Wiesen und einen plätschernden Bach, über den sich kleine Brücken spannten. In der Mitte des Gartens erhob sich ein prächtiges Schloss mit funkelnden silbernen Dächern und wehenden Fahnen.

Am Eingangstor entdeckte Pechvogel eine Tafel, auf der stand: «Hier darf nicht geweint werden.» Verwundert betrat er den Garten und folgte einem schmalen Pfad, der ihn zu einem Hügel führte. Dort sass ein wunderschönes Mädchen mit einer goldenen Krone auf dem Schoss, die sie fleissig polierte. Es war die Prinzessin Glückskind.

Als Pechvogel das Mädchen erblickte, klopfte sein Herz wie wild. Er wollte sich verstecken, doch als er hinter einem Busch niesen musste, entdeckte ihn die Prinzessin.

«Warum versteckst du dich?», fragte sie mit einem Lächeln. «Willst du mir etwa Böses tun?» Pechvogel trat zitternd hervor und erzählte ihr von seinem Unglück.

«Oh, das ist ja zum Lachen!», rief die Prinzessin. «Ich heisse Glückskind, weil mich eine gute Fee bei meiner Taufe segnete. Sie sagte, ich solle immer glücklich sein und alle um mich herum fröhlich machen. Wenn ich jemanden sehe, der traurig ist, soll er durch meine Nähe sein Unglück vergessen.»

Pechvogel erzählte ihr seine Geschichte, und die Prinzessin sah ihn mit ihren grossen, strahlend blauen Augen so an, dass ihm das Herz vor Freude überquoll. «Nun, wenn du es zulässt, werde ich dir einen Kuss geben. Vielleicht wirst du danach auch ein Glückskind.» Zögerlich liess Pechvogel dies geschehen, und in diesem Moment fühlte er sich, als würde eine schwere Last von ihm abfallen.

Doch die Geschichte nahm eine unerwartete Wendung. Nachdem Pechvogel gegangen war, fiel die Prinzessin plötzlich in tiefe Traurigkeit. Sie weinte Tag und Nacht, und nichts konnte sie trösten. Der König war verzweifelt. Schliesslich erfuhr er von dem Kuss, den sie dem Fremden gegeben hatte. «Dieser Pechvogel muss zurückkehren», befahl der König. «Er wird dafür büssen!»
Die Reiter des Königs suchten tagelang, bis sie den glücklichen Pechvogel fanden und ihn zurück zum Schloss brachten. Doch anstatt ängstlich zu sein, strahlte Pechvogel über das ganze Gesicht, als er vor dem König stand.

«Du hast die Frechheit besessen, meine Tochter zu küssen!», donnerte der König. «Du sollst morgen dafür deinen Kopf verlieren!»

Doch die Prinzessin flehte ihren Vater an: «Lasst ihn gehen, Vater. Ich habe ihm den Kuss freiwillig gegeben.» Der König überlegte lange, dann sagte er: «Nur unter einer Bedingung: Du musst ihm den Kuss zurückgeben.»
Also trat die Prinzessin vor und küsste Pechvogel ein weiteres Mal. Plötzlich erhellte sich ihr Gesicht, und auch Pechvogel strahlte noch mehr als zuvor. Der König, erstaunt über die Wirkung, sprach: «Es scheint, dass Gottes Wille anders ist, als wir dachten. Nun gut, dann soll es so sein!»

Und so wurde aus Pechvogel ein Prinz, der die schöne Prinzessin zur Frau nahm. Fortan lebten sie im Schloss und verbreiteten Freude in ihrem Reich. Pechvogel, der nun einen neuen Namen erhalten hatte, vergass seine alte, traurige Vergangenheit. Und wenn die Prinzessin ihn manchmal neckend fragte: «Weisst du noch, wie du früher hiessest?», dann hielt er ihr liebevoll den Mund zu und lächelte.

Hinweis:
Dieses Märchen habe ich, basierend auf einer Erzählung von Volkmann Leander (1830–1889), neu interpretiert und niedergeschrieben.

 

 

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Über

Ein älterer Mann mit grauem Haar und Brille sitzt in einem Holzstuhl, trägt einen dunklen Pullover, hält ein aufgeschlagenes Buch in der Hand und blickt von den Seiten auf. Der Hintergrund ist eine schlichte, helle Wand.

Ich bin Hanspeter Gautschin, Erzähler und Autor von BodeständiX – Geschichten, die bleiben.

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