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In roter Schrift steht "BodeständiX" über dem schwarzen Text "Der Autorenblog von Hanspeter Gautschin" auf weißem Hintergrund.
«1972 war Schluss» – und doch ging die Verfolgung weiter
Ein Junge mit einem Rucksack geht mit ernster Miene auf einem schlammigen Weg in einem Waldgebiet. Hinter ihm beginnen Polizeibeamte ihre Verfolgung mit Taschenlampen und einem Polizeiauto, als sie sich einem Wohnwagen in der Nähe von entfernten Häusern und Bergen nähern (1972).

Es gibt in der Schweiz diesen beruhigenden Reflex: Pro Juventute, «Kinder der Landstrasse», 1972 beendet – damit sei das Unrecht erledigt. Ein historischer Deckel drauf, fertig.

Dabei lohnt es sich, kurz präzise zu sein: Pro Juventute ist eine grosse Schweizer Kinder- und Jugendstiftung. Zwischen 1926 und 1973 führte sie das «Hilfswerk für die Kinder der Landstrasse». Mit Hilfe von Behörden wurden jenischen Familien systematisch Kinder entzogen und in Heime, Pflegefamilien oder Institutionen gebracht – mit dem erklärten Ziel, die fahrende Lebensweise zu beenden.

Und dann lese ich den Lebensbericht von Johann Waser. Jahrgang 1984. Seine Kindheit spielt in den 1990er Jahren. Was er erzählt, riecht nach demselben alten Muster: Misstrauen gegenüber jenischen Familien, Behördenmacht, Fremdbestimmung, Drohungen, Heim, Polizei.

Darum formuliere ich es bewusst scharf: Wer die Verfolgung der Jenischen auf «damals» und auf Pro Juventute zusammenschrumpft, macht es sich zu leicht. Johann Waser selbst zeigt, wie die Geschichte weiterging – ohne akademische Umwege, dafür mit der Wucht eigener Erfahrung.

Elf Tage auf einem Platz – und ein Psychiater entscheidet

Die Familie steht in Bonaduz. Elf Tage erst. Dann kommt die Gemeinde: Man müsse den Platz verlassen. Die Familie wehrt sich. Es gibt ein Hin und Her. Und dann passiert etwas, das man in einem Rechtsstaat kaum für möglich hält: Ein Psychiater wird gerufen, um zu begutachten, ob der siebenjährige Johann «normal» sei und in die Schule könne.

Die Szene ist so banal wie brutal. Ein Blatt Papier. Eine Vorlage. Johann soll ein Schiffchen zeichnen. Er zeichnet. Das Fähnchen gefällt ihm nicht, er malt Sternchen drauf. Das genügt für das Urteil: Er gehöre in eine Anstalt für Zurückgebliebene, er sei «nicht normal». Johann zieht die Konsequenz, die er als Kind sofort verstanden hat: Als Jenischer sei er «einfach so einer» gewesen, zweite Klasse.

Es geht hier um mehr als um eine fragwürdige «Begutachtung». In diesem Augenblick kippt ein Kind aus der Kategorie «Schüler» in die Kategorie «Fall». Und ein «Fall» wird verwaltet.

Rothenbrunnen, Kinderheim Giuvaulta

Johann kommt nach Rothenbrunnen ins Kinderheim Giuvaulta. Acht oder neun Jahre alt. Heim statt Schule. Heim statt Zuhause.

Nach einem Monat flieht er. Zu Fuss. Durch den Rhäzünser Wald. Ein Kind auf der Flucht. Das Heim alarmiert die Polizei. Und was Johann danach schildert, hat Sprengkraft, gerade weil es in die 1990er gehört: Kantonspolizisten hätten im Wald mit der Pistole auf ihn geschossen – «auf einen so jungen Buben». Sie wollten ihn stoppen.

Ich halte diesen Satz nicht für «ein Detail». Er ist ein Alarm. Er zeigt, wie schnell aus «Fürsorge» Gewalt wird, wenn ein Kind aus einer unerwünschten Lebensform herausbricht.

Johann entkommt. Über den Rhein, der «relativ tief» war, weiter durch die Wälder. Bis nach Felsberg, wo er die Eltern wiederfindet – «immer noch im Wagen».

Das Bild ist stark und traurig: Eltern, die ihren Sohn suchen, während sie selber auf Rädern leben müssen, weil man sie weiterjagt.

Ausgeschrieben, gesucht, untergetaucht

Johann wird ausgeschrieben, man sucht ihn lange. Die Familie zieht weiter, taucht unter «auf jenischen Plätzen».

Ein Winter lang kann er in Thusis zur Schule. Und dann kommt wieder dieser Satz, den jenische Familien zu gut kennen: Man wolle ihn wieder ins Heim tun, weil er «nicht in die normale Schule gehen könne». Ein Psychiater wolle ihn den Eltern wegnehmen und «zu Bauern tun». Und Johann schreibt, man habe immer Angst haben müssen, dass «sie wieder kommen».

Das ist der Kern: Es war keine stabile Kindheit möglich. Keine Normalität, die trägt. Jeder Winter Schule wirkt wie ein geliehener Zustand, der jederzeit entzogen werden kann.

Johann erwähnt auch Zizers: Noch ein Winter Schule. Dann stirbt der Vater. «Später bin ich nie mehr zur Schule gegangen.»

Dieser Satz ist still, fast nebenbei. In ihm steckt ein Lebensknick. Bildung als brüchige Chance, die irgendwann einfach weg ist.

«Schlimm ist, dass die Gemeinden das zugelassen haben.»

An einer Stelle wird Johann sehr konkret. Er sagt nicht nur «die Behörden». Er sagt: «Schlimm ist, dass die Gemeinden das zugelassen haben.»

Das trifft. Gemeinden sind nicht irgendein abstraktes System. Gemeinden sind Nachbarschaft, Schule, Verwaltungsrat, Dorfpolizei, Sozialdienst, Sitzungszimmer mit Blick auf den Kirchturm. Der Ort, an dem man sich gern als ordentlich, bürgerlich, korrekt versteht.

Und genau dort, sagt Johann, wurde zugelassen, dass ein Kind aus einer Minderheit als «zweite Klasse» behandelt wird.

Bis 15 verfolgt – Ende der 1990er

Johann formuliert es ohne Pathos: «Man hat uns verfolgt, bis ich 15-jährig war. Nachher hat das niemanden mehr interessiert.»

Das ist ein Satz, der die bequeme Erzählung zerlegt. Verfolgung endet hier nicht mit einer moralischen Einsicht. Sie endet mit Gleichgültigkeit.

Und dann kommt die Passage, die in jeden Text über «Kinder der Landstrasse» hineingehört, wenn man ehrlich bleiben will:

«Es heisst, die Geschichte der Pro Juventute sei 1972 beendet worden. Aber das ist nicht wahr. Die Verfolgung ging weiter. Bei mir war es nicht die Pro Juventute, aber der Psychiater und die Gemeinden.»

Man kann es kaum klarer sagen. Das Unrecht wechselte den Absender. Die Haltung blieb.

Die Pointe, die alles entlarvt

Zum Schluss steht eine Nachbemerkung: Johann Waser habe die anspruchsvolle Eignungsprüfung für Jäger im Kanton Graubünden problemlos bestanden.

Mehr muss man dazu fast nicht schreiben. Wer als Kind wegen Sternchen auf einem Fähnchen als «nicht normal» taxiert wird, trägt kein Makelzeichen in sich. Er trägt das Vorurteil anderer in seiner Biografie.

Was heisst das für heute?

Dieser Text ist kein Gerichtsurteil. Es ist ein Lebensbericht, veröffentlicht in «Scharotl» (Radgenossenschaft der Landstrasse / Verein Scharotl), Band 41 (2017), Heft 1.

Er steht als Zeugnis. Und er zwingt zu Fragen, die man in der Schweiz gern umgeht:

Wie viele Entscheide wurden lokal gefällt, in Gemeinden, durch Amtsstellen, durch «Fachleute», die mit Vorurteilen arbeiteten?

Wie oft wurde «Kindeswohl» als Etikette benutzt, während es in Wahrheit um Anpassungsdruck ging? (Johann beschreibt genau diese Logik: Gutachten, Heim, Drohungen.)

Warum ist die öffentliche Erzählung bis heute so bequem: «Ja, es war schlimm – und dann wurde es beendet»?

Ich formuliere es anklagend, weil es anders kaum auszuhalten ist: Die Schweiz hat das Unrecht lange genug als «historischen Sonderfall» behandelt. Dabei zeigt dieser Bericht, wie lebendig die Ausgrenzung noch Jahrzehnte später war.

Und noch etwas: Der Satz «Nachher hat das niemanden mehr interessiert» ist ebenfalls eine Anklage.

Er sagt, wie einfach es ist, Minderheiten in diesem Land zu übersehen, sobald sie keine Schlagzeile liefern.

Ein Schluss, der stehen bleibt

1972 war kein Ende. Es war eine Etappe. Die Verfolgung ging weiter, weil sie nicht nur an einer Institution hing, sondern an einer gesellschaftlichen Haltung – getragen von Gemeinden, Gutachten, Heimen, Polizeimacht. Johann Waser hat das als Kind erfahren. Als Erwachsener fasst er es in einen Satz, der sich nicht wegdiskutieren lässt: «Es heisst, 1972 sei Schluss gewesen. Aber das ist nicht wahr.»

Quelle:
«Noch in den 1990er Jahren verfolgt – Der Lebensbericht von Johann Waser», Scharotl, Radgenossenschaft der Landstrasse / Verein Scharotl, Band 41 (2017), Heft 1

 

2 Kommentare

  1. peter staehelin

    Haben wir nicht als Kinder noch für Pro Juventute gesammelt. kann mich nicht mehr genau erinnern. Grüsse

  2. Hanspeter Gautschin

    Ja, natürlich. Da erinnere ich mich noch bestens daran. Und wir unschuldigen Kinder finanzierten damit ungewollt das „Projekt Kinder der Landstrasse“…

Über

Ein älterer Mann mit grauem Haar und Brille sitzt in einem Holzstuhl, trägt einen dunklen Pullover, hält ein aufgeschlagenes Buch in der Hand und blickt von den Seiten auf. Der Hintergrund ist eine schlichte, helle Wand.

Ich bin Hanspeter Gautschin, Erzähler und Autor von BodeständiX – Geschichten, die bleiben.

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