Kaum zieht sich der Winter mit nassen Schuhen und beleidigter Miene langsam zurück, beginnt in vielen Gegenden ein merkwürdiges Erwachen.
Aus Kellern, Vereinslokalen und Proberäumen dringen Töne, die empfindsame Ohren zunächst für einen Unfall in der Blechwarenabteilung halten könnten. Rätschen rasseln, Trommeln rollen, Guggen röhren, Larven werden hervorgeholt, Kostüme geflickt, Verse geschliffen und Konfetti in Mengen vorbereitet, die jeder ordentlichen Hausfrau des 19. Jahrhunderts den Puls beschleunigt hätten.
Fasnacht steht vor der Tür.
Für einige ist sie die schönste Zeit des Jahres. Für andere ist sie ein akustischer Ausnahmezustand mit Bewilligung. Und für die Geschichte ist sie ein ausgezeichnetes Beispiel dafür, dass der Mensch zwar immer wieder erzogen, gezügelt, verordnet und beaufsichtigt werden kann, aber selten ganz aufhört, sich seines Lebens zu freuen.
Denn der Tanz, das Lachen, die Maske und der närrische Übermut waren in der Schweiz lange keine harmlose Nebensache. Sie standen mitten in einem alten Streit: hier Ordnung, Moral, Sitte und Obrigkeit; dort Beine, Musik, Wein und ein Volk, das gelegentlich daran erinnert werden musste, dass es nicht nur aus Steuerzahlern und Kirchgängern bestand.
Der Tanz: Diese gefährliche Bewegung der Beine
Der Tanz gehört zu den ältesten Ausdrucksformen des Menschen. Bevor er lange Abhandlungen schrieb, bewegte er sich. Vermutlich war das für alle Beteiligten erträglicher. Getanzt wurde bei Festen, Übergängen, Hochzeiten, Ernten, jahreszeitlichen Feiern, kultischen Handlungen und geselligen Zusammenkünften. Der Tanz verband Körper und Gemeinschaft. Er war Ritual, Spiel, Werbung, Freude, Kraftprobe und manchmal auch eine diskrete Form der Annäherung.
Gerade Letzteres machte ihn verdächtig.
Wo Menschen einander zu nahe kamen, witterten Obrigkeiten gern Gefahr. Und wo Musik erklang, dauerte es selten lange, bis irgendein ernsthafter Mann mit Amtsgewalt erschien und nach der Sitte fragte. Bereits im Mittelalter wurde der Tanz in den Städten und Landschaften der Eidgenossenschaft reglementiert. Das Historische Lexikon der Schweiz erwähnt etwa eine Zürcher Verordnung von 1370, nach der bei Hochzeiten weder heimlich noch öffentlich getanzt werden sollte. Erlaubt blieb das Tanzen nur an wenigen Tagen: Neujahr, Fasnacht, Markttage und Kirchweih. Man sieht: Die Obrigkeit war nicht grundsätzlich gegen Freude. Sie wollte nur vorher wissen, wann sie stattfand.
Diese frühe Reglementierung zeigt bereits das Grundmuster: Der Tanz war beliebt genug, um verboten zu werden. Niemand erlässt Mandate gegen Dinge, die niemand tut. Kein Rat der Stadt Zürich hätte je ein Verbot gegen das Fliegen mit Teppichen beschlossen. Gegen das Tanzen hingegen schon.
Die Reformation entdeckt die Spassbremse
Mit der Reformation erhielt die alte Skepsis gegen Vergnügungen eine neue theologische Strenge. In Zürich wirkte Zwingli, in Genf Calvin, in Bern setzte sich 1528 die Reformation durch. Die neue Frömmigkeit wollte den Menschen reinigen, bessern und disziplinieren. Leider begann sie dabei häufig mit seinen angenehmsten Gewohnheiten.
In den reformierten Gebieten entstanden sogenannte Sittenmandate. Solche Vorschriften regelten den sittlichen Bereich und das tägliche Leben. Sie betrafen Kleidung, Wirtshausbesuche, Sexualmoral, Sonntagsheiligung, Aufwand, Luxus, Spiel, Trunk und Tanz. Das Historische Lexikon der Schweiz beschreibt sie als Teil der frühneuzeitlichen «Polizey»-Gesetzgebung, die der Sozial- und Sittendisziplinierung diente.
Die Reformation brachte also nicht nur Predigt, Bibelübersetzung und Kirchenordnung. Sie brachte auch eine neue Freude am Verbot. Besonders in reformierten Gebieten wurde der Tanz als weltlich, sinnlich, leichtfertig oder gar heidnisch betrachtet. In katholischen Gegenden blieb das Brauchtum vielerorts stärker geduldet, auch wenn später im Zuge der Gegenreformation ebenfalls stärker reguliert wurde. Die Konfessionen waren sich in vielen Fragen uneinig. Beim Misstrauen gegenüber allzu fröhlichen Menschen fanden sie gelegentlich zueinander.
Fasnacht: Das Ventil, das man zuschrauben wollte
Die Fasnacht war für Obrigkeiten besonders heikel. Sie war mehr als ein Fest. Sie war eine zeitlich begrenzte Umkehrung der Ordnung. Masken verbargen Gesichter. Arme verspotteten Reiche. Untertanen machten sich über Herren lustig. Frauen und Männer wechselten Rollen, Spottverse zogen durch die Gassen, und die Welt stand für ein paar Tage auf dem Kopf.
Genau darum war die Fasnacht so wertvoll. Und genau darum war sie verdächtig.
Schon im 15. Jahrhundert versuchten Obrigkeiten, das Maskenlaufen des «gemeinen» Volks zu zügeln. Dahinter stand auch die Angst vor dem subversiven Charakter der Fasnacht. Wer eine Maske trägt, sagt Dinge, die er ohne Maske vielleicht nur denkt. Und wer lacht, lässt sich schwerer einschüchtern. Die Reformatoren verboten die Fasnacht später als «papistisches Treiben», allerdings mit mässigem Erfolg. Das 19. Jahrhundert brachte dann vielerorts ein neues Aufblühen der Fasnacht, auch in evangelischen Gebieten.
Hier liegt eine schöne Ironie der Geschichte: Die Fasnacht überlebte ihre Verbote ungefähr so gut wie Unkraut den empörten Gärtner. Man konnte sie abschneiden, ausreissen, verdammen und mit Mandaten bewerfen. Irgendwo trieb sie wieder aus.
Bern tanzt nicht. Jedenfalls nicht offiziell.
Besonders streng zeigte sich der reformierte Stadtstaat Bern. Bern war ohnehin nie als mediterrane Leichtfertigkeit in Sandstein bekannt. Die Obrigkeit verstand sich auf Ordnung. Sie verwaltete nicht nur Land und Leute, sondern gern auch deren Gewissen.
Ein bezeichnender Fall stammt aus dem Jahr 1675. In Dürrenroth soll im «Nüwhaus in der Müslen» gekiltet oder gar getanzt worden sein. Schon die Formulierung klingt, als habe man eine staatsgefährdende Verschwörung entdeckt. Besonders belastend: Ein junger «Schülerknab» hatte als Geiger aufgespielt. Seine Geige wurde durch den Sigristen öffentlich zerschlagen.
Man stelle sich diese Szene vor: Ein Instrument, das vermutlich mehr Freude als Schaden angerichtet hatte, wird im Namen der Moral vernichtet. Die Geige hatte keine Verteidigung. Sie war aus Holz, hatte Saiten und stand unter dringendem Verdacht, Menschen in Bewegung gebracht zu haben.
Solche Fälle zeigen, wie ernst die Obrigkeit den Kampf gegen die Lebenslust nahm. Musik war nicht einfach Musik. Sie war ein Anfang. Erst spielt einer auf, dann tanzt einer, dann lächelt eine, dann gerät die Welt ins Wanken. So ungefähr muss man sich die Logik der Sittenwächter vorstellen.
Der Körper als Verdachtsfall
Hinter den Tanzverboten stand ein tieferes Misstrauen gegenüber dem Körper. Der fromme Mensch sollte sich beherrschen. Er sollte arbeiten, beten, sparen, gehorchen und sich möglichst wenig in rhythmischen Bewegungen verlieren. Der Körper war nützlich, wenn er pflügte, trug, webte, marschierte oder kniete. Sobald er tanzte, wurde er verdächtig.
Dabei war das Leben der Menschen hart genug. Winter waren lang, Arbeitstage schwer, Krankheiten häufig, Armut verbreitet. Feste boten eine seltene Unterbrechung. Sie gaben der Gemeinschaft Wärme, Farbe und Lärm. Dass ausgerechnet diese Unterbrechungen immer wieder unter Beschuss gerieten, sagt viel über eine Kultur aus, die den Menschen gern besser machen wollte, indem sie ihm zunächst die Freude verdarb.
Doch Verbote wirken selten so, wie ihre Verfasser hoffen. Sie machen das Verbotene nicht immer unmöglich. Manchmal machen sie es reizvoller. Heimliche Tänze, versteckte Musik, ausgelassene Nächte in abgelegenen Häusern: Das alles gehörte zur Gegengeschichte der Sittenmandate. Die Obrigkeit schrieb, das Volk wich aus. So entstand eine stille Choreografie zwischen Kontrolle und Umgehung.
Von der Polka bis zum Twist: Die Beine melden sich zurück
Mit dem 19. Jahrhundert lockerten sich viele alte Schranken. Die Gesellschaft wurde liberaler, bürgerlicher, vereinsfreudiger. Tanzanlässe, Bälle und gesellige Zusammenkünfte gewannen an Bedeutung. Neue Modetänze verbreiteten sich: Walzer, Polka, Mazurka, Schottisch. Der Walzer war zunächst ebenfalls verdächtig, weil sich Paare dabei erstaunlich nahe kamen. Später wurde er gesellschaftsfähig. Das ist häufig der Lebenslauf eines Skandals: Zuerst empört er die Alten, dann tanzen ihn die Jungen, schliesslich wird er im Kursprogramm angeboten.
Nach dem Ersten Weltkrieg kamen Tango und andere Tänze hinzu. Nach dem Zweiten Weltkrieg folgten Swing, Rock ’n’ Roll, Madison und Twist. Jede Generation hatte ihren eigenen Untergang des Abendlandes. Und jedes Mal blieb das Abendland erstaunlich stabil stehen, wenn auch gelegentlich mit wippendem Fuss.
Später kamen Disco, Techno und Clubkultur. Der Paartanz verlor an Selbstverständlichkeit, der Einzelne tanzte freier, manchmal auch einsamer. Doch der Grundimpuls blieb: Musik verlangt nach Körpern. Der Mensch kann sich viel einreden. Bei einem guten Rhythmus wird seine Philosophie rasch kurzatmig.
Die Fasnacht als erlaubte Unvernunft
Heute erscheint die Fasnacht vielen als harmloses Brauchtum. Man organisiert sie mit Komitees, Bewilligungen, Sicherheitskonzepten, Umzugsrouten und Abfallplänen. Selbst die Unordnung braucht inzwischen ein Organisationsreglement. Das ist sehr schweizerisch und wahrscheinlich unvermeidlich.
Doch unter der geordneten Unordnung steckt noch immer der alte Kern: Fasnacht ist ein Ventil. Sie erlaubt, was sonst selten Platz hat. Lärm, Übertreibung, Spott, Maskierung, Rollenwechsel, gemeinsames Ausbrechen. Sie erinnert daran, dass eine Gesellschaft, die nur funktioniert, noch lange nicht lebt.
Besonders spannend ist, dass die Fasnacht gerade dort eine starke symbolische Kraft besitzt, wo Ordnung und Nüchternheit hochgehalten werden. Basel ist dafür ein berühmtes Beispiel. Die Basler Fasnacht beginnt am Montag nach Aschermittwoch und hat damit ihre eigene, eigensinnige Zeitrechnung. In protestantischen Gebieten wurden Fastnachtsfeiern im Zuge der Reformation vielerorts abgeschafft; Basel bewahrte und formte seine Fasnacht auf besondere Weise weiter.
Die Fasnacht ist dort keine blosse Party. Sie ist eine Kunstform des öffentlichen Kommentars. Laternen, Verse, Sujets, Cliquen und Figuren nehmen Politik, Gesellschaft und menschliche Torheiten aufs Korn. Der Narr sagt, was der brave Bürger beim Frühstück vielleicht nur in die Zeitung hineinschnaubt.
Die alte Sittenstrenge im modernen Mantel
Die alten Tanzverbote sind verschwunden. Niemand muss heute befürchten, dass der Sigrist die Geige zerschlägt, sofern sie nicht gerade nachts um halb drei unter einem Schlafzimmerfenster gequält wird. Doch die alte Spannung ist geblieben. Auch die Gegenwart liebt ihre Vorschriften. Sie spricht nur anders darüber.
Früher hiess es Sitte. Heute heisst es Lärmschutz, Prävention, Sensibilisierung, Bewilligungspflicht oder Risikomanagement. Vieles davon ist sinnvoll. Eine Fasnacht ohne Regeln wäre ein romantischer Gedanke bis zum ersten blockierten Rettungswagen. Und doch darf man gelegentlich schmunzeln: Der Mensch hat offenbar ein tiefes Bedürfnis, selbst seine Ausgelassenheit zu verwalten.
Die Fasnacht zeigt deshalb mehr als bunte Kostüme. Sie zeigt ein anthropologisches Grundgesetz: Der Mensch braucht Ordnung, aber er hält sie nicht dauernd aus. Er braucht Arbeit, aber auch Unterbrechung. Er braucht Ernst, aber auch Gelächter. Er braucht Regeln, aber auch jene wenigen Tage, an denen die Regel mit einer Pappnase vorgeführt wird.
Der Mensch bleibt tanzverdächtig
Vom mittelalterlichen Tanzverbot bis zur heutigen Fasnacht führt eine lange Linie. Sie erzählt von Obrigkeiten, die den Menschen bessern wollten, und von Menschen, die sich nicht vollständig bessern liessen. Sie erzählt von Pfarrern, Räten, Mandaten, zerbrochenen Geigen und verbotenen Festen. Sie erzählt aber auch von Beharrlichkeit, Witz und Lebenslust.
Die Geschichte der Tanzverbote wirkt heute komisch, vielleicht sogar absurd. Doch gerade darin liegt ihr Wert. Sie erinnert uns daran, wie rasch Freude unter Verdacht geraten kann, sobald sie laut, körperlich und gemeinschaftlich wird. Der Tanz war gefährlich, weil er Menschen zusammenbrachte. Die Fasnacht war gefährlich, weil sie die Ordnung auslachte. Und das Lachen ist bekanntlich schwer zu beaufsichtigen.
Vielleicht ist die Fasnacht deshalb bis heute so wichtig. Sie ist kein Rückfall in die Unvernunft. Sie ist ein jährlicher Hinweis darauf, dass Vernunft ohne Lebensfreude ziemlich blass aussieht. Eine Gesellschaft, die gar nicht mehr tanzt, mag ordentlich sein. Aber man möchte ungern den ganzen Winter mit ihr verbringen.
Und so dürfen die Rätschen rasseln, die Guggen röhren und die Larven grinsen. Die alten Sittenmandate liegen im Archiv. Die Beine sind wieder frei. Ganz sicher ist das nie. Aber für ein paar närrische Tage reicht es.







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